t

 

sich

Ein Fragment

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

Because your voice was at my side

I gave him pain,

Because within my hand I held

Your hand again.

 

There is no word nor any sign

Can make amend -

He is a stranger to me now

Who was my friend.

(j. joyce, chamber music xvii)

 


 

 

the glacier knocks in the cupboard,

the desert sighs in the bed,

and the crack in the tea-cup opens

a lane to the land of the dead.

(w.h. auden, as i walked out one evening)

 

 

 

 

who is the third who always walks beside you?

when i count, there are only you and i together,

but when i look ahead up the white road,

there is always another one walking beside you,

gliding wrapped in a brown mantle, hooded,

i do not know whether a man or a woman,

but who is that on the other side of you?

(t.s. eliot, the waste land)


prolog.

weißes zimmer schläuche kabel bett zu groß für darin sie einmal mensch bald körper stille ohne ruhe blut atem stöhnt krähe krächzt hinter schulter? weiß immer weiß licht? auge halb offen schläuche schemenschatten tränen durch sieht sie? bleib bitte bleib bitte komm mit nach hause k...k...kardiograph springt beine was für gebrochen? heroin in armen wie löcher wüste in venen bett weiß augen so noch immer schön lippen blutiger als wunde sie schreien ich höre laut kopf sprengt hilf bitte wenn es dich gibt es dich? sieht mich durch nebelträume sie schläft wenn sie atmet sie kann noch sie immer sie in mir ich nicht ohne sie ich sich ich sieht mich sie durch traumnebel sich oder mich? sanft haar ihr noch immer ihr einmal mensch noch körper nicht nur bitte bleib deine noch kurz hand in meiner noch weiß zimmer schläuche tropf atme ein atme atme hier bitte bleib bitte bleib bitte bitte decke in löcher muster boden kacheln weiß bitte nicht spiegel augen lippen kuss atme gesicht lass mich dich bitte bleib atme ich durch dich warm wird nicht neinneinnein kalt moment halt nein bitte bitte bleib hilf bitte wenn es dich gibt es DIESER TON GRELLGRELLLAUTNEIN nicht bleib kkkomm mit bitte an sich meiner bitte noch hand nach ins zu haus unser ist mir dir und bitte bleib grün wald lichtung auf die zur in gen nach lauf nicht regenbogen von weg bitte geh nicht wir unser uns nicht weg wir deine augen ich sich ich bleib bei mir bleib bleib bleib zerfließe dich träne heiß wohin nur wohin nur ich komme noch weiß nicht wessen herz steht still

lies es von meinen augen     


Eine rote Sonne trinkt jetzt das Meer, das ich hinterließ, als sie ging. Niemals kam der versprochene Frühling mehr in das verborgene Land, dessen Lächeln zu Eis erstarrt, dessen Tränen dem Wind gewichen waren, der jetzt unbarmherzig die Blätter der alten Bäume mit sich gen Osten riß, des Boreas eisiger Gefährte. Doch wo war der Schnee des letzten Jahres, wo die grauen Abende in glutdunkelroter Zweisamkeit, wo war deine Feder stumpf geworden, Klotho, dein Maß verzerrt, Lachesis? Warum wandtest du dich ab, Atropos, von dem der dich erbat? Ein Ausgestoßener zerbricht tote Stunden in seinen feuerbedeckten Löffel, die er nutzlos verhungern läßt, unbestattete Leichen seines Kopfes in leckenden Särgen. Das Meer wäscht ihn nicht, kein Wind weht ihn fort, wenn er auch schutzlos den Strand still in seiner Nachsaisonruhe stört. Sein Blick gefriert die Zeit aus seinem Leben, während er darauf wartet, daß er aufhört zu warten. Freak. Die Jahre vergehen, Gezeiten schwimmen gegen die Tage. Nur eine Geschichte steht hervor wie ein Dolch aus offenem Herzen.

Ich traf sie wieder in einer Nacht, in der mein Mond verschwunden war und dunkle Wolken den Himmel seines Daseins beraubten. Trügerische Sterne funkelten wie Schmetterlinge im späten Grau der düsteren Dämmerung, und sie lachten mich aus, der ich wie ein Schuljunge auf einem Rummelplatz stand, der mehr grelle Erinnerungen barg als mein Herz verdunkeln konnte. Meine Hand umklammerte ein Glas voller Trost; wohlig warmer Duft strömte daraus in den Nachtwind, der meine gewohnt schwarzen Gewänder in stiller Wut bald mit sich riß, bald verzweifelt fallen ließ, während seine Bemühungen ungehört verhallten. Die Wunden begannen wieder zu bluten, und ein roter Fleck wurde schon bald auf meiner linken Brust sichtbar genug für dunkle Augen.

Meine Freunde verschwanden, und auch meine Begleiter gingen los, um sich an billigem Alkohol trägen Genuß zu kaufen. Das Riesenrad drehte sich rasend schnell, ich sah verwirrt in seine grinsenden Augen, hypnotisiert von der fröhlichen Falschheit der Menge. Wasserfälle aus Neonsmalltalk ergossen sich in verstrahlten Wörtern aus gezwungenen Zähnen zu reißenden Strömen aus industrieabfalligem Gift, und kein einziges Wort schallte.

Sie stand nur da in ihrer blauen Batikhose und sprach mit Lächerlichkeit, der ihr oft gewinnend die Mundwinkel entgegenschoß. Ich konnte die Augen nicht abwenden. Zu frisch, zu schnell der Abschied. Ich konnte nicht sprechen.

"lauf", wurde mir gedacht.

Doch sie war es, die in einem plötzlichen Impuls an mir vorbeiströmte und eine nahe Parkbank unerreichbar machte. Ich konnte ihr Haar riechen; selbst der Wind konnte den altgeliebten Duft nicht verbieten. Ihr Gesicht war halb hinter einem schwarzen Tuch verborgen, das ihren Hals anscheinend vor durstigen Attacken nächtlicher Vampire schützen sollte, so daß nur ihre Augen aus dem samtenen Schwarz ihrer geduckten Erscheinung stachen. Lächerlichkeit verschwand. Ich war Epheron.

"lauf", wurde mir gedacht.

 

 

*

 

 

Glatt produzierte Szenen aus halb vergangenen Tagen sprießen aus vermoderter Erde. In einer Bibliothek malt der Dichter sein Gedicht, das er immer noch zu schreiben versucht, aus Aquarellen hinaus, obwohl es, längst verfilmt, die spärlichen Theater seit mehr als vier Jahren verweint. Die Maskensänger stummen schon gebeugt im sinnschweigenden Applaus, doch das unnachgiebige Blei zerkratzt immer noch sein graues Manuskript, vergossen hallt die aufgebrauchte Tinte aus den umgeblätterten Selbstdiskursen im Metrum seines Herzschlags. Bunte Liebeslieder knospen nach ihrer Zeit noch einmal, der Natur vergessene Kinder. Grobe Phrasen vergrabener, beerdeter Erinnerung betünchen den dissonanten Seelennovember, der ihm doch ein Zuhause war, und draußen verfinstert sich der dunkle Himmel zu blindem Grell. Der Dichter aber kann die fiebernde Hand immer noch nicht mehr aus dem zerfließenden Wort lösen, auch wenn der verfallene Magen in verzweifelter Leere nach Brot heult, und trockene Augen offen in blutunterlaufenen Feuern rauschen, eine gekrampfte Hand in einer essigharten Septime nach Trost ruft, ignoriert er die kaltgewinkelten Beine, die des schwachen Blutes schon durch sehnsuchtslange Abendstunden entbehren mußten, einer geschwollene Zunge verwehren seine Worte das Wasser, wie sehr auch ein drängender Sinus die bekümmerten Ohren besetzt, er schreibt von weit weg an dieser Welt vorbei auf sein Blatt, unbewußtseinsströmend und aortapulsierend. Alle Satzzeichen hat er schon aus seiner müden Feder gesogen, und die säulenhaften Regeln der gemeinsamen Sprache verkommen zu ausgezehrten Ruinen auf dem verbrauchten Dunkelweiß. Nichts kann diese gedankentiefen Satzworte mehr auseinanderreißen und entmalen, vergeblich bestehen die erschreckten Phrasen auf gewohntes Recht und plustern sich auf, während Kasus gebeugt in blütenweiße Bedeutungsfedern zerfallen, skelettig beschaftet von durchverbten Adjektiven und bewegten Nomen. Weich und rund berühren sich die dünnen Seiten in ihrer unzählbaren Einzelvielfalt, eng aneinandergeschmiegt verwachsen sie für das Licht des Mondes, das nicht auseinanderschmilzen läßt, was der Dichter am dünnen Faden seiner Gesichte aus dem behörnten Labyrinth geführt, mit dem er sein Biest vor der Schönen schützt. Oh, wenn doch sich das zarte Geflecht erheben und seine aufblickenden Gedanken mit sich führen könnte. Über ein weitgeflossenes, dem Himmel unbegrenztes Meer, waldversteckte Pfade, tümmelnde Wege und zeitlose Straßen ohne Ziel wohlig verloren gleiten, schimmernd im Glitzern der gleißenden Wolken wasserweich schweben, der neidischen Erde verkniffene Augen furchtverlassen im ausatmenden Magen vergessen, den warmen Mond des mittleren Weges im geflügelten Rücken, vor dem Tag und außerhalb der zersengenden Sonne, sein eigener Sohn ohne vergebliche Mahnung.

Der alte Bibliothekswächter legt zögernd die Hand auf eine schlafende Schulter, da die Stunden den Büchern zur Nacht winken. Sanft liegt er da, den Stift noch zart ergriffen, auf seinem hageren Arm, der weicher gefedert als ein Kissen das harte Tischholz abwehrt. Wissend legen sich die erfahrenen Falten in ein nickendes Lächeln, als ein altgedienter Arm einen nahen Stuhl heranzieht, und der Alte wartet auf die Rückkehr des Vaters oder des Sohnes aus Niggles Welt der wehenden Blätter.

 

 

*

 

 

Ich lief rückwärts und wurde unzulänglich. Um mich herum verglomm alles in schwimmenden Dunst. Ein Bahnhof beschwor sich, und ein dunkler Zug fuhr los, während aufbrausend der schwellende Dampf aus seinem eingealteten Dach quoll. Aus seinen Fenstern lehnten Passagiere, die mit flehenden Augen ihre geschlossenen Arme gen Himmel reckten. Die dunkelrostigen Gleise waren verwittert und schwarz von Ruß, und im Umkreis von mehreren Tagen oder Jahren verdorrte das schmutziggrüne Gras zu urfarbenem Sumpf. Viel zu spät, zuckte die Bahnhofsuhr, deren abgebrochene Zeiger drohend tickten, bis sie endlich den letzten Tag künden sollten. Mein Schwarz leuchtete durch das Dunkel.

Sie nun weinte, ein Krokodil der drängenden Menge, und ihre Augen röteten sich in einer vergessenen Metamorphose, geschürte Unsichtbarkeit. Glühende Tränen flossen über ihr Gesicht und wuschen den hellen Teint in Strömen ab, so daß die darunterliegende Maske zum Vorschein kam, Lächeln, Scream.

"Ist das meine Schuld?" wurde mir gesprochen.

"Nein", sagte sie kurz. 

Ein Hammer stößt auf einen Amboß, und Klang vibriert in grauer Höhle, als wolle er den Schall vor sich selbst vertreiben. Wörter stoßen auf Worte, doch der Verbotene kennt nicht den Unterschied.

"Laß uns ein Stück gehen"

"Ja"

"Bist du noch mit..?"

"Ja, und du?"

"Ja, aber..."

"Ich will wieder zurück, es bricht mir das Herz"

"Ja, aber..."

"Ich verstehe, wenn du nicht..."

"Neinneinnein, es ist nur, ich... alles ist so schnell... ich weiß nicht, sie bedeutet mir..."

"Was willst du?"

"Ich..."

"Zurück oder nicht?"

"Ja, aber..."

"Ich liebe dich"

Wörter.

Ein vergifteter Fluß floß unter der hölzernen Brücke, auf der wir nun standen. Fische schrien stumm in früherem Wasser, bevor derbe Enten sie fraßen. Der gebrauchte Park um uns war längst geschlossen worden, Unzeiten hatten ihn verwesen lassen wie gerissene Eingeweide, Supernova einer kalten Sonne. Algen verdauten die alten Bäder, erfunden von einem längst gestorbenen Heiler, während Moos an spärlich überdachten, eng aneinander gereihten Hütten nagte.

Das Leben geht nach.

Gefangen im Netz der Phrasen, die verstohlen von ihrem Mund tropften, verließ ich meine Welt, um wieder in den Sumpf zu ziehen, den wir zwei Jahre lang zuvor geschaffen hatten. Ich verleugnete den Mond in meinem Herzen und nahm Abschied von seinen Sternenaugen. Zu früh, um meine Vergangenheit zu zerreißen, ihre schwarze Zunge konnte mich immer noch verwunden. Belials eigene Tochter war zu stark für das Grau, zu früh für Weiß, das sich vielleicht im Schwarz zeigen würde am letzten der unwichtigen Tage.

"Sei bei mir."

"Ja."

Mondbeschienene Feuerwerke an bleichen Himmeln feierten in stiller Trauer den Abschied ihres Narren vom Nachtflug, den Tausch seiner Kette gegen ihre Ketten. Die Königin der Nacht wachte besorgt über das fröhliche Wiedersehen; sah sie doch, wie ihr letzter Freund abgeführt wurde in goldenem Band in ein Land des Sonnenaufganges auf der falschen Seite der Stille. Wanderer zogen in mein schmerzendes Leben, immer noch verwirrt und verlassen wie schon so lange zuvor; und doch blieb kein Weg mehr übrig, der noch zu gehen gewesen wäre, und der Poet der gebrochenen Herzen versteckte sich unter einer kaltblauen Trauerweide im dämmernden Garten.

Wir gingen gemeinsam nach Hause. Wir waren endlich wieder vereint. Hätte nicht schon vor mir eine verzweifelte, verhexte Seele den Schlaf ermordet, hätte er mich jetzt aus Furcht verlassen. Indes, sein Geist kam und nahm mich mit in fremde Gefilde.

Doch ich tötete den Tod.

 

 

*

 

Der Freak sitzt an seinem Meer und schaut durch fahler Tränen Schimmer, liest die Geschichte jeder einzelnen in ihrem tausendfarbigem Glühen, das einzige in SICH selbst oder wie auch immer er heißt. Oder wer auch immer er ist. Denn SICH ist der, der den Discoköniginnen die geheimniswitternde Maske des lachenden Hofnarren vor die blinden Blauaugen hält. Und der, der den selbsternannten Meistern ihre gilbverschmierten Existenznachweise gegen thematischkorrektstupide Papierverschwendungen abkauft; der seine aufwütenden Wortschwälle gen Norden schleudert, auf daß sein Freund, der Wind, sie mit sich in ein einsames Ohr trage, das ihn verstünde. Und der, der...

 Seine verschorften Hände arbeiten gegen seinen Geist, minuziös, geübt, ungedacht, und sein trockener Mund öffnet sich leise in den grauen Atem der Luft. Der Freak singt in der Tonart des Vergangenen, und starr geht sein Blick nach vorn gen Istnicht, nach innen. Blutunterlaufen passen sich seine harten Wangen den leichten Bewegungen seiner Melodie an, die zagend ein leichterer Hauch aus seinem Mund trägt, als daß sie hörbar sein könnte. Sein Haar ist zerzaust, seine Knie wund, auf die er seine Hände gelegt in hilflosem Ritus. Etwas ist merkwürdig, vielleicht, daß seine Augen sich nicht schließen, kein Rhythmus kann ihn, selbstgeschlossen und ohne Gesellschaft, dazu bringen, wegzusehen, obwohl seine Pupillen zu weit sind, als daß sie diese Welt überhaupt noch in ihrem Fokus aufnehmen könnten. Eine tropfende Nadel liegt dünstend neben seiner sitzenden Gestalt, grüne Geister murmeln sich in ein gestohlenes Leben und betrachten ihn, funkelnd in ihren versteckten Augenlöchern, fahl diesseits ihres toten Antlitzes. Manche von ihnen sehen bis zum anderen Ufer des Meeres. Manche lauschen sogar. Das Meer wächst jetzt viel schneller, und er sieht sich im Wasser, ohne SICH, einfach allein und schattenlos. 

  

 

*

 

 

hi,

es ist schon zu spät, um  noch anzurufen, Samstagnacht, viertel nach zehn, und ich sitze hier alleine in diesem klinisch sauberen, perfekt weißen Raum, ein Zimmer wie ein Küchenwaschbecken, und ich warte auf das schlafende Telefon, auf die schwebende Antwort auf meine unerschöpften Fragen, auf wo du bist, auf wann du bist, auf über wen von euch ich schreibe. Und ich schweige von einem leeren Talliskerglas zum nächsten, ungehört der kramende Fernseher in der staubigen Ecke, ping tropft der überfüllte Wasserhahn, da ist das Tick, Klick, Tick des lauernden Alarms. Von Schlaf umgeben wie im Sturm lebe ich in viertelstündigen Halbgedanken auf das, endlich, bitte!, klirrende Schrillen zu, will zerrissen werden wie der schwarze Schleier vor meinem Gesicht, ringendes Klingeln in den tropfenden Kopf, schneide, schneide, komm, die saugenden Augen starr ins kichernde Nichts, unbewegt doch der noch warme Hörer auf seinem Totenbett, gebe ich es endlich vielleicht jetzt oder bald zumindest auf dich warten will ich nicht mehr lange schon sitze ich im Kreis mit mir selbst-los wie ein Toter gebe ich es endlich auf? Wirst du irgendwann noch, oder ist es wichtig, daß du, ist das Regen am prasselnden Fenster oder ist es Klopfen, vielleicht Fingernägel am kratzenden Glas? Aber der steinige Pfad vor dem äußeren Lichtloch ist leerer als Denken, dann geht vorbei, kenne ich nicht, und sie auch hinterher, dick, rosa, Schweiß auch nachts, Provinz in Hut und Kleid, kunststoffblumenbunt, dann Kinderlaufen, kreischend in meinen gräßlichen Kreisen, rasselnde Hunde keuchen, triefender Wind faucht den flüchtenden Hagel in durstige Büsche.

Ich dachte, ich allein hielte das Universum; doch nicht einmal ein Echo dringt mehr an mein Ohr zurück, Grendel ohne Sohn und Feind, gefangen auf meinem eigenen Speicher mit Phantomen ohne Sein, und mein drohendes Leben schon wild entflammt. Nehmt den runden Mond weg, er blendet wie der Maskentag, laßt mir deutende Dunkelheit auf die Flammen scheinen, auf daß sie sie sehe, hoch und weit in das Nichtsmehr drumherum, ich in ihrer Welt allein und signifikantes Signifikat meiner einsiedlerisches Blutsucht, Fleischsucht, hungernder Durst.

Und er, er steht firm in mir wie ein grauer Knochenbaum und trinkt mein hartes Wasser gierig in seine Millionen Münder, während ich gegen meinen Atem kämpfe, seine Klauen durch die Brust verästelt wie meine verdrehten Hände im gestrigen Rottraum. Gebeugt in verbrauchtem Alter, knorrig wie eine Hexenkatze wiegt er mich unsanft in den Schlaf des Tages und verläßt seine Wache vor den nahenden Janitscharen.

Der zischende Regen wandert westwärts in die überdrüssigen Arme der schwimmenden Gegenwart und zieht mich nicht mit sich, und "In den Westen!" rufen sie, "In den Westen!" Die Zeit hat heute keine Regeln, wirr wie Feuerzungen zuckt sie hin und her zwischen gestern, heute und vorgestern. Murmelnde Bilder bringt sie und Schreie, rückwärts in den Strom, Warten auf trostloses Wissen, das niemand braucht. Mein Traum, mein Wach verschwimmen in ideenlosem Urgrau, und die schaudernde Stille sticht ihren Wespenstachel in mein schlaffes Wesen, ins Sitzen zusammengesunken, verwurzelt in den anonymen Boden.           

Es ist noch zu früh, dich zu kennen, denn gegen die Zeit kann ich nicht anschreiben, außer niemals vielleicht. Heute weiß ich noch nicht von dir, und du bist, wo ich noch nicht wahr, und wenn du da sein werden bist, wirst du nicht bleiben. Aber das weiß ich noch nicht, und so tut es mir nur weh, ohne daß ich weiß, warum ich blute. Wir werden uns treffen und trennen, zu kurz zwischen uns, was du danach zwischen uns stellen wirst, du verstehst schon, wenn du es später liest (also jetzt), und ich hoffe, du bringst wenigstens ein selbstironisches Lächeln hervor? Aber das Ende mußt du schon am Ende suchen, hier wird nur der Weg berichtet, schwierig, schwierig, aber gangbar und auch der einzige. Du wirst fallen, aber HEY!, das ist es doch, was du willst. Du wirst fallen, ohne Halt, ohne Orientierung, immer weiter, du wirst fallen, aber du wirst niemals aufschlagen, weil es den Boden nicht gibt. Nichts droht außer dir.

Und du kennst meinen Namen.    

 

 

*

 

 

 

Als ich erwachte, waren die Uhren zurückgelaufen. Ein blauer Morgenhimmel drängte sich durch die klammen Vorhänge und neben mir lag niemand, den ich kannte.

"Guten Morgen."

Ich nickte und versuchte zu lächeln, anscheinend erfolgreich, denn sofort wurde meine verklammerte Verzerrung bemerkt und erwidert.

"Ich bin so froh, dich wieder zu haben."

Die nachgehende Glocke der immer leeren Kirche schlug zu spät 12. Stolpernd entkam ich dem Bett, murmelte eine ungewaschene Entschuldigung und bedeckte mein farbloses Fleisch mit Dunkel.

"Mußt du unbedingt zur Band?"

Die Tür hatte mir schon gewunken, ich band den letzten Schuh zu und zuckte die Schultern, zögerte. Plötzlich öffnete ich in arger Eile die Tür und ging, während ich Schimpflaute in meinem Rücken spürte wie Zähne des Wahnsinns.

Alle warteten schon auf mich, und wir spielten ohne die gewohnte Gelassenheit, die wir blutiggeborene Opfer, zurück im blühenden Spielwiesenraum unseres altvertrauten Kindergartens, so oft am Wochenende in unsere Welt zu zerren versuchten. Bunter Teppich und Stühle, die kürzere als uns zu beherbergen gewohnt waren, bemalte Gymnastikgeräte aller Art hefteten unserem verkramten Spieltrieb der Kindertage neue Flügel an. Sogar die lachgrünen Bänke waren so klein, daß wir unsere Beine nicht benutzen konnten, um aufzustehen - ganz im Gegensatz zu den bunten Kichersalven, die sie wochentags bevölkern sollten. Immer fühlten wir, daß wir kräftig die dunklen Noten wegkehren müßten, bevor wir diesen Ort wieder für verlorenes Spiel der unfreiwillig Unverdorbenen freigaben, zu denen wir alle einmal gehört hatten.

Ich kramte tief in mir, um meine Gitarre wiederzufinden, doch sie war verschwunden, und so hielt ich nichts als Holz in meiner Hand und in meinem Herzen. Ich betete um Nacht.

"Deine Augen sehen anders aus", sagte man.

"Was..?"

"Irgendwas ist verändert."

"Sie ist wieder da."

"Bist du sicher, daß..?"

"Nein."

Wir übten ein, was mir zu wichtig und ihnen zu kompliziert war.

- mach da ein break soll ich nicht lieber willst du da nicht teppich oder wessen solo ist denn hier was bedeutet das denn eigentlich worüber SCHLAGZEUGLÄRM wovon was sanktmartinslied du weißt schon wegen des mantels ich spiel´ lieber sorry hab grad nicht was hast du ge- warum machst du keinen 7/8 das ist kitsch aber darin steckt all mein BASSTON wie wäre es wenn ich weiß nicht ich finde es gut so wie es LACHEN es geht eigentlich nur darum daß was hast du gesagt? -

Wir übten ein, was mir zu sinnentleert und ihnen zu unwichtig war. Der Raum drohte mir mit Kindheit, und sie wurden wieder die Abbilder dessen, was man darunter versteht. Wenn sie doch nur wieder echt geworden wären in diesem Ort, der dazu einlud. Aber so spielten wir nicht. Wir übten. Sie, und ich auch.

 

 

*

 

 

 

In die vollen Weizenfelder mit ihren offenen Armen, golden und gelb in der schwindenden Abendsonne, in die gleißenden Ähren, wehend im nachglühenden Wind des zagenden Sommers. In das wohlige Warm der ruhigen Halme, ins eherne Meer aus Wind und Hauch, in den streunenden Duft des reifenden Korns, in reißende Gräser, unverletzt, in fließende Formen, saatbenetzt.

Die rankenden Keime durch die fetten Wurzeln, triefend das pulsierende Erdreich saugend, Wasser, wogendes Wollen, froh in seiner eigenen Verzehrung, in kochenden Tropfen durch die prallen Adern hinauf in die Äste, die Halme, die Blätter. Rostiger Schlamm, ölig ergötzt, erbebender Kraft erfüllt, im hitzigen Rhythmus der heranraunenden Nacht.

Gerötete Äpfel am zerfransten Rande des Ährenteppichs, unter einem gedunsenen Baum, gespreiztes Dickicht aus wehklagendem Geäst, weit geöffnet für einen offenen Mund, die Zunge benetzt mit dem geschwollenen Dunst auf ihrer furchigen Blüte, gereckten Knospe. Fest der starre Stamm, all seine Ruhe inmitten der windwehenden Zweige, all seine harrenden Jahre gegen den drängenden Frühling des wildgrünen Blätterblühens. Das nervöse Summen der Insekten, hektische Mückentänze, fette Fruchtfliegen auf der Suche nach dampfenden Aas, lockende Grillen in balzendem Brodem des glühenden Windes, lauernde Luft, feucht und siedend, gäriger, fauliger Atem des Göttervaters.

Und noch tanzt und tanzt und tanzt sie durch die lechzenden Ähren, und noch sieht sie ihre kratzenden, haschenden Arme nicht, und sie greifen nach ihr in zitternder Gier, und ihre leichten Füße verfangen sich in den offenen Wurzeln, und sie fällt und fällt und fällt, durch die Erde, modrig und bebend, schmilzt in die Berührung der speicheligen Ranken, grinsend die Sonne, Voyeur hinter den spärlichen, zerfetzten Wolkentüchern. An den Augen geschlossen, wo doch alles so ölig-herb, offengerissen. Wohin, wohin, wohin im mahnenden Schlag der galligen Stunde? Verdorrt nicht die gebrochene Blüte, aber der milchige Blick, das wabernde Starren zur Nanananacht. Durchtriefte Milben in sie hinein, von innen gefressen, ihr giftiger Schleim, ohne Ausweg, sich selbst von innen verfault werdend.

SICH steht auf und verläßt das einsame Bett.

 

 

*

 

 

Ich riß mich aus dem Raum, brennend vor schwefeliger Enttäuschung, und ich ging nach Hause durch einen wütenden grauen Regen, der mir pastelle Bilder in die vergessenen Augen malte. Ich verlor den hiesigen Weg aus den Augen und verschwand der Welt in den Wald, meinen alten Wald, in dem ich als Kind stets die bunten Leichen des Herbstes im Gras bestattet hatte, in dem ich die runzligen Trolle gejagt und die zerbrechlichen Elfen in behutsamer Hand gerettet. Braune Blätter bunteten um mich herum die Landschaft von Camus zu Keats. Grünes Moos lächelte verführerisch, und ich konnte nicht widerstehen und setzte mich und verlor die Zeit.

Weiche Wärme stieg auf vom bedeckten Waldboden, die mich die Nässe des Äthers vergessen ließ. Als ich mich zurücklehnte, meinen gespannten Körper auf grünes Daunen legte, umschmiegten die zarten Ränke meinen Rücken und hielten mich wohlig fest in ihren sprießenden Armen. Ich spürte, wie mein schwebender Geist funkensprühend aufsprang mit etwas, das ich nicht einordnen konnte.

"Freude", sagte die Königin der Nacht.

Die Zeit war verflogen, als sei ich H.G.Wells Sohn. Gütige Sterne funkelten, und Sternschnuppen erglänzten um mich herum. Ich schwebte in chagallblauem Traum schwerelos und jenseits der Düsterwolken unter einem klaren Himmel.

"Wer bist du? Du kannst nicht..."

Sie lächelte nur. Aber es war töricht, denn ich kannte sie zu gut, um es leugnen zu können. Sie war da, und es war tatsächlich pure Freude, die mich in zögerlicher Erinnerung drambuiewarm trank. Die Mondin legte ihr Gesicht in Schleier, und ihre lächelnden Zähren fielen weiterhin auf die überbelichtete Erde.

"Du siehst das Glühen eines solchen Feuers, das auf der Asche seiner Jugend liegt wie auf einem Totenbett, auf dem es seinen letzten Hauch tun muß, verbraucht durch das, was es zuvor ernährt. Du kannst nie zu irgend etwas zurück"

"Das ist nicht so gemeint, und das weißt du auch."

"Es meint nicht, sondern es ist. Du weißt, was du fühlst, aber du weißt nicht, wie. Du fühlst nur die Wörter. Der letzte Hauch steht bevor, und du weißt nicht, wann. Aber du weißt, daß er bald kommen wird."

"Ich verstehe nicht."

Sie stand einfach vor mir, vielsagend und nichtssprechend. Güte blickte für einen Moment aus ihren Augen, der kürzer schien, als Erkenntnis verweilt - und doch war mir ihre Zartheit ganz innen für immer eingebrannt. Eine scheue Handbewegung, die unsichtbare Wesen zu kurzem Auffunkeln verzückte, vollzog ihren Abschied. Dreimal versuchte ich, ihre schwindende Rechte zu greifen, dreimal, ihren Namen noch auf meiner Zunge führend, indes, sie war verschwunden auf leichter Schwinge, nachhallend in einem geheimem Schall, doch flüchtig wie ein geflügelter Traum.

 

 

*

 

 

Das Licht bewegt sich. Ja, ich bin sicher, ich kann die Spuren der Strahlen noch immer auf meiner Netzhaut spüren, irgendwie eingebrannt, sie drehen sich nur zu schnell, als daß man die Bewegung bemerken könnte, wie ein Fernseher, der zu viele Bilder austeilt, so daß wir täglich nicht raffen, daß wir betrogen werden um das Leben, das in den Pixeln sein soll. Rede ich zu schnell? Entschuldigung, ich bin einfach ein wenig zu aufgekratzt für das hier, und eigentlich sollte ich gar nicht hier sein heute - ich arbeite nur aushilfsweise in diesem Loch von einer Galerie, denken Sie nicht schlecht von mir! - eigentlich wäre mein Kollege dran gewesen, aber er konnte nicht, ist krank, sagt unser Chef, Sie wissen schon, der Alte am Eingang, irgendwas sei mit seinen Innereien, weiß auch nicht, auf jeden Fall bin ich deswegen heute hier, obwohl ich gar nicht dran bin. Er sagte, er müsse sich mal wieder in ein Bild von allem machen, nicht nur immer vor fremden stehen; er wolle sich finden, jeden davon. Zitat Ende - manieriertes und absolut sinnloses  Zeugs, aber so was verzapft der echt jeden Tag, seitenlang! Also gut, hab ich gesagt, ich komm, auch wenn ich so richtig gar nicht raffe, was du hier erzählst. Verrückt genug.

Mein Chef, übrigens. Mein Chef ist neu hier, um genau zu sein, sind es eher zwei Chefs, die sich abwechseln, entfernte Verwandte, die die Firma (Firma? Kann ich das so sagen?) neuerdings unter sich haben. War eine schmerzhafte Übernahme, sagt mein Kollege, und seitdem wisse die eine Hand nicht mehr, was die andere tut. Unser alter Obermensch, Herr Callosus war auch nicht Alleinherrscher hier; um ihn rum gab es diese Gruppe von anderen Wasweißichs, Vizeirgendwas. Er wollte immer nur erster unter gleichen sein, hat er immer gesagt, und deshalb hat er die ganze Sippe immer Corpus Callosum genannt. Na ja, solange es sie gab. Irgendwann haben sie sich immer mehr gestritten, die ganze Firma hat darunter total gezittert, voll krampfhafte Zustände damals, und irgendwann haben sie sich dann einfach getrennt, wusch, einfach so weg. Danach kamen diese beiden hier, die jetzt alles verwalten, was hier abgeht, aber irgendwie nicht miteinander arbeiten können. Ich meine immer, Herr Wernicke hat überhaupt keine Ahnung, was er eigentlich sagt. Und Herr Broca stottert nur so vertrottelt vor sich hin. Keiner weiß mehr wo er dran ist, und die Bücher gehen total kaputt. Ich meine, mir ist das eigentlich egal, aber wenn einer mal dringend was wissen will, so von wegen, was der und der gesagt hat, dann sind die Bücher meistens verstellt, und keiner weiß mehr irgendwas. Das kann ja auch nicht ganz Sinn der Sache sein. Irgendwann machen die uns einfach dicht, und ich fliege raus. 

Wo war ich? Das Licht! Sehen Sie zur Decke, diese Neonröhre bewegt sich innen, wie übrigens jedes Licht. Man kann die kleinen Teilchen in den Strahlen fast sehen. Unendliche Länge in einer Masse und Ausdehnung von Null. Sie prügeln auf uns ein, sie verbrennen ihre Haut mit ihren giftigen Bissen, und wir beten die Sonne auch noch an. Ob ich was? Nein, niemals, ich habe nichts mit Drogen zu tun. Ich bin nur nervös. Haben Sie kurz Feuer? Meine Streichhölzer sind alle draufgegangen für... Sie kennen das doch, nicht wahr? Man will ja keine Seeleute töten. Und man weiß ja nie. Also, ich möchte über sie sprechen; sie ist weg, Sie wissen es bestimmt schon. Ja, genau, einfach so, man ist nie auf sowas vorbereitet, finde ich. Ich weiß auch nicht. Wir hatten ja schon so unsere Probleme, und eigentlich wollte ich ja auch nicht mehr weiter in diesem Sumpf bleiben, zwei Jahre lang nur Mist diskutiert und so. Auf jeden Fall war ich zuerst gar nicht so böse darüber, daß sie weg ist. Aber jetzt, jetzt vermisse ich sie doch. Irgendwas fehlt meinem Leben, und ich weiß genau, was auch immer das überhaupt ist, es hat hundertpro mit ihr zu tun. Es ist nicht, wie ihr Haar immer geduftet hat oder so sentimentales Zeugs, es hat auch nichts mit Sex zu tun, auch wenn Sie mir nicht glauben werden - es hat mir nicht einmal immer gefallen, wenn wir gevögelt haben. Entschuldigung, ich mag es auch nicht, so über alte Freundinnen zu reden, aber man muß die Dinge manchmal einfach beim Namen nennen, oder? Ihr übrigens auch nicht. Jedenfalls ging alles ganz seltsam ab - ich bin echt nicht irgendwie ein Softie oder so, trotzdem, irgendwie hatte ich oft das Gefühl, daß sie sich über mich hermacht oder so. Bei den Spinnen ist es manchmal so, daß "sie" "ihn" "danach" frißt. So ähnlich halt. Ich weiß immer noch nicht, was das ist, was ich wieder zurück will, eigentlich war alles total komisch und verkrampft und so. Vielleicht muß ich erst rauskriegen, wen - Moment kurz, wie war das? - wen ich in ihr sehen will. Sagt zumindest ein Freund von mir, und das klingt zwar voll psychomäßig, der ist ja auch einer von denen, aber irgendwie liegt er gar nicht so daneben. Ich meine, die ganze Scheiße kommt ja von ihr, und die wird wohl sich nicht ändern. Ich für meinen Teil glaube, ich habe immer noch nicht gerafft, wer hier eigentlich Freund und Feind ist, oder überhaupt, wer wer ist. Hoffe, Dir geht's besser. Muß los. Wir sehen uns sicher noch.

 

 

*

 

 

Meine Kleider waren naß, und mein kalter Körper zitterte leichenblaß. Der Morgen graute mir unfreundlich, während die Sterne sich mit einem Blinzeln in helles Grau auflösten. Man mußte mich wohl schon suchen, und so ging ich schließlich nach Hause, ein Blinder, der sich gemäß des Fluchs der Zeit selbst zum Narren hielt.

Sie erwartete mich, und es schien mir begehrenswerter als jemals etwas anderes zuvor, mich zu ihr zu legen. Ihr warmer Körper schmiegte sich gefällig an meinen und mein Mund zeichnete ein gedrungenes Lächeln in die Luft. Braune Haare bedeckten mein schwarzes Hemd, während ihr Kopf auf meiner Brust seiner Ruhe nachjagte.

"Was denkst du?" wollte sie schnell wissen.

"Ich... nichts, wirklich, eigentlich... "

Wie ein Wortschwall durchdrang sie meine Kleidung, so daß ich hören konnte, wie ihr wallendes Herz sich in verquerem Versmaß näherte, immer wenn ich gerade zur marmorierten Decke starrte. Dunstig vernebelte sich mein Blick, unscharfe Visionen wilden Feuers bombardierten meine müden Augen, so daß ich sie mühsam schloß. Wenn alles nichts ist, ist dann nichts wichtig? Ist nichts dann wichtig? Ihre Augen sammelten dunkles Blut, ihre großen Lippen füllten sich in Dunst und Donner, während ich zerfiel.

"Ich bin so froh, daß wir endlich allein sein können. Nur du und ich."

"Könntest du bitte..?"

"Es ist so lange her, daß wir mal einfach nur uns hatten."

"Ich..."

"Laß uns einfach ein bißchen genießen, ja?"

Sie schließt die Augen und schnurrt vielleicht leise, sie atmet in ihrer alten Folge. Tausend Stimmen. Ein grinsendes Lied stemmt sich fleischig durch seinen krummen Kopf, den kein wirrer Spiegel mehr fängt. Die blitzenden Gedanken fließen in zuckende Kreise, schneller und schneller rotieren sie auf der Stelle, bald fragend, bald kreischend, defekt. Ein nasses Auge tropft auf den fleckigen Boden, der Mund reißt auseinander wie ein zu weit gewundener Regenwurm, die Stirn faltet sich selbst zusammen und runzelt das Alter würgend herbei. Das Haar blutet sich leer, unzählige Stoppeln des scharfgeschnittenen Bartes zerstechen die weichen Wangen zu Fetzen. Das Gesicht moort auseinander in dürren Dunst, brodelnd in die Zeit vor der Zeit, und sie schläft.

 

 

*

 

 

Falle an mir vorüber, Torkelschatten, nur noch Taumelhauch gegen ein beschlagenes Fenster, das nicht mehr sieht, wohin es schaut, vergossen. Auf einem fahlen Pferd schnellst Du über die hungrige Klippe, verschwindest in ihren reißenden Rachen, doch alles, was ich hören kann, ist das Schreien des schlitternden Zuges auf den verregneten Gleisen, Schach der strömenden Dame, die ihr prasselndes Blut aus ihren geschnittenen Lippenfetzen speit!

Wälze das Gesicht in Deinem Kissen, und winsele in klirrenden Ketten Dein schwirrendes Chaoszischen, Gefangener: Deine sengende Sehnsucht in schmelzendes Blei gegossen; nun hagelt es krachendes Vergessen auf Dich, nur hierher zurück brechen sie Deine eitrigen Augen aus den siedenden Höhlen, nur hierher darfst Du Dich noch diskutieren lassen, diese disputiven Klingen, Dein Leiden unsere schwülen Episteme. Allein, ein loderndes Glutwerk köchelt Dein winkendes Röcheln murmelnd durch die schlafende Traumwelt. Lallend ergießt sich das kichernde Labyrinth in diese durstende Wüste, und Du stolperst hindurch, fällst kopfüber durch die wandernden Gänge auf Dein brodelndes Gesicht, verkriechst Dich hilflos in die schroffen Höhlen, wo sie Dich immer finden, zu drehen Dein Genick auf Deinen losen Rücken, knarrend. Geschwollen vergißt die lumpige Zunge Deine unnötigen Wörter, Milchzahngedanken, als Deine blasige Haut sich trocknet, sich spannt, sich kräuselt, so eng, sie schreit nach tiefem schwarzen Wasser.

Dreh Dich um, ätzendes Salz qualifiziert Dich so träge, Dein Schweiß ertränkt Dich im Würgegriff seiner triefenden Klauenhand, vergilbte Fratze im schütteren Spiegel, grins, grins, knirschende Zähne wie nagend in Knorpel, die Lippen zu kurz sie zu bergen; SpiegelSICH zerdrückt Deine quellenden Augäpfel nach innen ins schlierige Graugemisch. Flutende Neonblitze zucken gellende Beben durch das geschlossene Sehen Deiner argen Gesichte, der gleißende Druck langt weiter hinein in Dich durch Dein Weich, in den Geist, die kauernde, kreischende Welt der entehrten Folter; weit aufgerissen die Augen, als die keifende Klinge ins ächzende Fleisch zischt, Du fühlst Dein Blut in Deiner ungläubigen Hand, siehst Deine Sehnerven in Panik irr werden, weil sie nicht glauben, daß sie sterben, Dein Herz hagelt verzweifelte Schläge in absurden Metren, und Deine Seele fängt er ein in lässiger Hand, den Mund verzogen in berstendem Grimm. Und er reißt Dich nach oben und trinkt Deinen Lebenssaft, seine Hand gegen Deine zersplitternden Rippen, und eine Klaue öffnet die nutzlos gewordene Aorta in einen sprudelnden Quell seiner Lust, der er lacht und lacht in sinnlosem Schall, ein Bein reißt er aus Deinem verschwindenden Körper, der Du zermalmt wirst im Streben nach Hunger und Gier, und er lacht und lacht, und Du fühlst sein Saugen tief in Deinem Bauch, wie er die brennende Leber Dir frißt, und Du riechst Deinen eigenen Dampf im kalten Wind, als die Sinne verschwimmen wie schutzlose Wasserfarbe im klatschenden Regen, als Du spürst, wie Du

aufwachst.         

 

 

*

 

 

"Warum bin ich, und wenn ja, wie viele?" Die Worte standen einfach im Raum, bevor die anderen losprusteten und in ungewohntem Lachen ihre Gesichter apfelrot färbten. Der Freund wunderte sich darüber sehr, er, der seinem Schicksal so viel schneller entgegen lief als wir anderen. Ein Gespräch zögerte sich aus seinem Versteck, als sich unsere Gedanken tausendfach tauschten, und weit offene Welten wuchsen in mein dankbares Leben. Ich spiegelte hell in ihm, was ich von mir so gerne schon früher gesehen hätte, aber so selten erreichte, während die egomanen Grenzen von skelettierter Leseweisheit in Wir ertranken. Sie verstand nicht, ihn nicht, noch nicht einmal den Rest. Indes, der Rest und sie ergänzten sich gegen ihn prächtig zu "die anderen". Ich ging aus dem Haus auf den erhobenen Balkon und schaute den Himmel über dem verschwiegenen Wald, der meine geheime Begegnung vertraut in sich hinein träumte. Meine Königin lächelte mir zu, das versteckte Funkeln immer noch in ihren Sternen. Der Freund kam mir nach.

"Was..?"

"Es war falsch."

"Ich weiß nicht, was..."

"Ich weiß. Du weißt. Geh den Weg zurück, Epheron. Es ist nicht zu spät."

"Nein", sagte ich, "es ist nicht zu spät. Es ist zu früh."

Sie kam hinzu, und die Worte zuckten, versteckten sich hinter einer düsteren Weide. Sie lächelte mich in verwaschenem Verständnis an.

"Wolltest du die Nacht sehen? Ich weiß doch, wie romantisch du bist."

Der Freund hustete und auch die Zeit, während sie mich auf die Wange küßte.

"´tschuldige... Ich geh mal rein."

Alleine standen wir da. Ich war alleine, sie war alleine. Sie merkte es nicht. Eine Träne entkam meiner grauen Selbstbeherrschung und spiegelte das Sternenlicht in sich. Sich?

"Nur du, die Sterne und ich."

"Ja"

"Was könnten wir mehr wollen?"

"Ja"

"Was denkst du?"

"..."

"Ich denke an Einhörner, die durch den Wald streifen, ein schwarzes und ein weißes. Das eine unterstützt das andere, wenn es bei Tag oder Nacht in Gefahr kommt, je nach dem. Und keines von beiden war jemals böse oder hat böse Dinge getan. Und als..."

"Ja. Klingt schön. Können wir reden?"

"Und wir sind wie die beiden. Wir gehören zusammen und wir bekämpfen das Böse. Wir sind die einzigen, die letzten Kämpfer in dieser Welt, und ohne den anderen kann keiner von uns leben. Überleben. Du bist das schwarze, und ich bin das weiße; Wenn du gehst, bin ich sinnlos, denn ohne Dunkel ist das Licht nichts wert. Ich habe das noch nie jemandem er..."

"Können wir reden?"

"Merkst du nicht, daß ich das die ganze Zeit tue?"

Es waren keine Worte mehr übrig, durch die ich hätte verstehen können. Der Freund kam zurück; sie schaute ihn ärgerlich an und murmelte etwas über Toiletten. Er sagte nichts und beugte sich vornehm nach vorn, als sie an ihm vorbeiwehte. Dann sah er mich an und schüttelte den Kopf, während meine Hände verborgene Schätze in einem alten Taschentuch suchten. Ich sah durch den Boden und zu den Bäumen unter mir. Meine Augen schienen zu schwer, um sie zu erheben, seine Weisheit zu scharf ebenso.

"Sie wird dich tiefer verletzen, als du weißt."

"Aber ich liebe sie."

"Und sie liebt dich, in der Tat mehr als jede andere zuvor. Und doch wird sie dich zerstören, wenn du sie läßt. Und du sie."

"Was meinst du damit?"

"Sie kennt dich nicht. Sie er-kennt dich nicht. Und dadurch weiß sie nicht, was sie tut, wenn sie dir nahe tritt, Epheron. Was willst du ihr sagen, wenn du wieder gehst? Denn gehen wirst du, genau wie immer; sie ist nicht für dich, sie ist des Tages Braut, Nebelritter."

"Noch. Vielleicht nur, weil sie sich nie in die Nacht getraut hat, sie kennt doch nur den Tag. Aber sie würde mir niemals weh tun."

Der Freund ging langsam auf und ab, die Terrasse wird zu einem Dänischen Kronsaal.

"Ihr seid natürliche Gegenspieler. Sie jagt hinter dir her, vielleicht denkt sie, sie will dir nur nahe sein, doch sie wird dich vernichten, wenn sie da ist, wo sie hin will. Sie kann nicht anders."

"Ich bin kein Nebelritter. Ich kenne mich; ich kann auch den Tag sehen."

Der Freund kam ihm nun gefährlich nahe. In seinem Gesicht rötete sich Wut, doch Entsetzen bleichte ihn wieder in fahler Töne. Seine Degenworte waren nicht vergiftet.  

"Du wirst verlieren, Epheron, wenn du deine eigene Macht herausforderst. Ich weiß, was du kannst. Ich kenne dich noch in den Tagen, als du auf einem fahlen Pferd die Nacht teiltest, wo auch immer du auf deinen Wachzügen über die zögernden Nachtvisionen, die deine Königin den Gewöhnlichen schickt, durch Schreckensbildnisse streiftest."

"Das ist nicht wahr. Ich habe nie so etwas getan."

"Deine Erinnerung weicht dem Tag. Und ich dachte immer, du wärest der Stärkste unserer Gilde. Doch du fällst als erster, wenn du sie nicht gehen läßt. Sie ist nicht sie."

Sie rief. Epheron ging. Der Freund stand noch lange in schweigendem Verstehen unter den Sternen stehen und leerte Glas um Glas seines nicht enden wollenden Whiskys. Ein großer Nebel kam auf, und eine Stimme sprach ihn an. Er antwortete nicht sofort, doch als er tief ausatmete, umhüllte ihn ein weiches Netz aus den Tränen, die er seit dem Beginn des Grellen vergossen hatte, und trug ihn auf sanften Händen in die Nacht hinweg.

 

 

*

 

 

Ich kenne ihn, er hat lange in meiner Band gespielt. Er ist seltsam, wissen Sie, er ist einfach anders. Eigentlich weiß ich nicht, wie ich ihn beschreiben soll, er war immer sehr unauffällig, wenn man genauer darüber nachdenkt. Immer in grau oder dunkler. Er war oft sehr launisch, was sich dann unschwer an seiner Gitarre ablesen ließ; dasselbe Solo, nur einmal schreien die Saiten, einmal singen sie, summen leise, erzählen mal munter vor sich hin, drängen sich dir mal entnervend nah auf; er konnte einfach alles spielen.

Eigentlich konnte alles ihn spielen. Er hatte nie unter Kontrolle, was aus ihm floß. Wenn ich raten sollte, würde ich aber sagen, er war Elegiker, falls Sie verstehen: Melancholie und Wahnsinn und so. Wir wollten einfach nur Spaß haben in unserem Hobby Musik, aber das war nichts für ihn. Immer heftiger hat er uns angefeuert, "Intensität" war sein Lieblingswort, wie oft hat er mir erzählt, wie statisch ich doch spiele. Dabei ging das bei dem Zeug, daß er geschrieben hat, gar nicht anders, stolpernde, unsichere Anti-Rhythmen.

Da war dieses Mädchen, das ihn damals so fasziniert hat, daß er für sie sogar seine Freiheit vergessen hat. Sie hat dann auch oft mitgespielt, war aber eigentlich nie dabei, keine Musikerin im engen Sinne. Umso weniger habe ich je verstanden, was er bei ihr gesucht hat. Gefunden hat er nie, ich glaube überhaupt nie. Ich glaube auch nicht, daß er das wollte.

Sie war eigentlich recht hübsch. Lange braune Haare, Nußaugen, nicht unbedingt üppig, aber gut gebaut, wie man so sagt, ganz nettes Gesicht, ein bißchen eigenwillig schon in ihren Zügen. Immer weite Pullis, immer Understatement, etwas langweilig mit der Zeit, hochgezogene Schultern usw. Und so hat sie auch gespielt: mit viel Potential, das sie aber nie benutzt hat, leise, unauffällig, böse würde man sagen, nichtssagend.

Die Beziehung war nicht so ganz einfach; ich habe sie immer nur streitend oder schmollend in Erinnerung, übertourig, er hingegen immer etwas abwesend, abwiegelnd, wie in voller Fahrt mit Handbremse. Keiner war je wirklich gut gelaunt, sie sahen immer so aus, als hätten sie leichte Kopfschmerzen, von denen sie jede Minute erwarten, daß sie explodieren. Das ist dann natürlich auch irgendwann passiert.

Aber diese Tat hätte ich ihm nie zugetraut. Sie war immer die aggressive, er der ruhende Pol, der jedesmal abgewartet hat, bis sie wieder auf dem Teppich ist. Außerdem hatte er immer Angst vor Blut. Seine Augen drehten sich beim ersten Tropfen ins Weiße, und kalt brodelnde Wasserblasen träufelten durch seine Stirnfalten. Das paßt alles nicht zu ihm. Gift, Schußwaffe, meinetwegen auch ein Stoß aus einem Fenster, ja, ok, wenn er jemanden töten wollte, dann so, aber ein Messer... Ich weiß nicht, was Sie in der Hand haben gegen ihn, aber er kann es nicht gewesen sein, zumindest nicht selbst. Ich habe ihn noch sie so außer sich gesehen, wie man es für ein solches Gemetzel sein müßte.

Kann ich jetzt bitte gehen?

 

 

*

 

 

Rede in den Seelenstaub

Einst wo, nun wann;

Ende aus dem Gegenlicht,

Zu werden, was ist.

Siehst Du mich in Dir?

 

Wispere in den Abendwind,

Ein Erbe Deiner Schönheit;

Mond in Bleich verkehrt gedreht,

Verlasse den SICH.

Fühlst Du mich in mir?

 

 

*

 

 

Tagebuchpoesie und getrocknete Rosenblätter schwingen sich im Hauch der zufallenden Tür in unbekannte Lüfte, ohne daß er aufblickte, sie zu bewundern. Ein unbekanntes Zimmer um ihn herum, neu und aus dem spontanen Nichts in diese Welt miteinbezogen, atmet warm, warm genug, so daß er zusammengekauert vor einer dreckigbeigen Kaminattrappe sitzen kann, die barock mit allerlei Mustern und Schnörkeln so gar nicht dem befleckten Himmelblau der Wände zunickt. Eine nackte Glühbirne hängt tot von der geflickten weißen Decke, die drohend Fragen nach dem, was sie zweifellos gesehen, doch verbirgt in ihrer Akne aus alter Farbe erstickt. Bedeckt von rostrotem Teppich führt der Boden den verzerrten Blick bis an ein milchiges Fenster, das einen Spalt weit hochgezogen ist; Luft strömt herein, gleichsam gejagt von Polizeisirenen und Straßenlärm. Schemenhaft eröffnet der triste Nachmittag dahinter die Sicht auf braunen Backstein und dunkles Moos, geformt zu Hinterhöfen und Häusern, an denen Regenrinnen herunterranken und Kabel Netze spinnen. An den Wänden, die Schnipsel aus ungelesenen Magazinen mit Pop und Thrash verkleben, stehen vier Betten, je zwei übereinander. In einer Ecke wirft eine zerknitterte Cellophanrose den Blick unsanft zurück, in einer anderen türmen sich braune Pappkisten bis zu einem kalkzerfressenen Waschbecken in lichtem Grau. Vor dem Kamin zerstreuen sich Recyclingpapierseiten. Heißer Tee bewacht ein starres Wesen, nun, da alle anderen endlich den Raum in die düsteren Regengassen und Hochgeschwindigkeitstunnel zu Glitzerwelten verlassen haben. Einzig ihr billiges Deodorant zögert noch kurz, verwischt aber schnell in spurlosem Stadtdunst. Ein Kugelschreiber klickt, ein Auge blinzelt, eine Geschichte ergießt sich aus ihrer Bedrücktheit auf Papier und in sein Auge, das sich jetzt langsam schließt.

Die rauhe Luft drängt hinein, die verdrehte Gräue von jenseits der Wahrheit hämmert an die berstende Tür. Das Zimmer flüchtet verstohlen und unbewacht, die Wände vergrauen zu Weite und wehen wie gespannte Bettücher im Wind, die Rose wird schwarz und verschwindet gegen die Sonne, während die Decke sich erlöst an ihren Urvater, den Himmel, schmiegt. Die Glühbirne flackert und malt sich schwarz und weiß an im Wechsel, kurz siegt man gar leere Augenhöhlen, die freundlich zu wachen scheinen, oder ist es nur eine Wolke in ihrer Kunst? Den Boden zieren zerfließende Muster ohne Ende oder Anfang und alles wird unscharf und verschwommen und farbleer, bevor die Elemente sanft verzehren, was sich ihnen nutzlos entgegenstellt.

Das weite, weite Meer, das ihm schon immer war. Als er nach dem Tee greifen will, sticht ihn die Nadel seiner Spritze kurz in den Finger. Diesmal zuckt er zurück, hoffend, daß am anderen Ufer jemand seinen Namen kennt.

Unbarmherzig strömt Herzblut aus entzündeten Wunden in einzelne Rinnsale voller Erinnerung, doch er bleibt immer noch auf seinem Platz. Schlurfend breitet sich Vergessen aus, aber es beschwört nur herauf, was ihn schon verlassen hat wie ein fliegender Wechsel der Anklagevertreter: Erinnerungen tauchen in den gezerrten Gesichtern alter Freunde aus dem Nebel auf, verschwinden wieder, nachdem sie ihren giftigen Gehalt in seine Venen gespritzt haben. Bunte Gestalten lächeln ihn an, bieten ihre Hilfe an und gehen verstört weiter, nachdem sie ihn unverhüllt gesehen haben. Keiner bleibt je lange genug, um hinter alle Masken zu sehen. Nicht einmal er selbst sieht sich. Keinen Sich.

Die ersten Tränen erzählen ihre Geschichte.

 

 

*

 

 

Er hatte eingekauft und den Epheron fast vergessen. Ein paar wenige glutwarme Kerzen züngelten durch das saubergemütlichte Zimmer, das er zu einer kleinen Burghalle verziert hatte. Schwarze Tücher umarmten die kalten Wände und hauchten ihnen mit sanfter, wiederkehrender Berührung zartes Herbstleben ein; verhalten streichelte schwarzer Samt das verwandte Bettlaken. Alles war gerichtet, alles warm und voller ungeduldiger Erwartung der Kommenden. Er wartete, im Gegensatz zu allen Fingern seiner Rechten, die ohne Pause auf dem gedeckten Tisch hin und her wanderten, krumme Rhythmen ins stille Holz malend, die niemand verstanden hätte.

Sie kam noch nicht. Die Tür knarrte verheißungsvoll, verweigerte dann aber jede Bewegung. Seine weiten Meeraugen verrieten, daß auch er nicht mehr da war; die grüne See der letzten Nacht hatte ihn eingeholt und mit sich gerissen in einen farbigen Frieden, den er niemals sein eigen würde nennen können. Die blutigen Klauen des Realen waren jetzt zwar nicht mehr aufzuhalten, doch zart umspannte ihn noch dieses illusionsgeladene Sphärenfeld, das ihn in eine andere Welt träumte, die er nur aus Büchern kannte, von der er aber immer genau wußte, daß es sie tatsächlich geben mußte. Die müden Lider zucken nicht mehr schlaflos, die trommelnden Hände verfehlen ihren letzten trancenen Beat. Seine knöchernen Schultern senken sich aus der Umklammerung ihres infarktverseuchten Muskels, leiserer Atem hebt die fließende Brust in feinere Züge: ein regungsloser, vernarbter Körper, dessen Augen in stiller Leere in den Westen starren, still.

Ein warmer Regen empfing ihn auf der anderen Seite der Nacht. Er stand vor ihrem Palast. Weißes Silber der hohen Mauern spiegelte sich in einem grauen Fluß, der nun dankbar schneeweißes Mondlicht umarmen durfte. Ein hohes Tor ragte vor ihm auf, dessen Flügel ihm offen entgegen lächelten. Sanfter Nebel streichelte ihm sanft über die Schultern, als er eintrat.

"Guten Abend, Solitude"

Aus dem Nebel lächelten ihn zwei graue Augen an, dunkler als die Winterdämmerung und trauriger als Regen, ihr Bruder. Dann erschien langsam, als müßte es sich erst durch die Zeit kämpfen, das schwarzweiße Gesicht einer weiblichen Harlekin.

"Sie erwartet dich voller Sehnsucht. Stetson ist auch hier."

"Wer?"

"Der Freund. Du hast seinen Namen vergessen; du kennst ihn noch nicht."

Das Lächeln verschwand in der nackten Gegenwart. Die Augen hoben sich zum Himmel, und der Anblick der sternklaren Nacht blendete sie zu einem leichten Blinzeln.

"Geh nun, es ist noch nicht zu spät", und sie wies ihm den Weg in das nunmehr kleine Bruchsteinhaus, in dem die Königin der Nacht ihr Reich bewachte. Geduldige Melodiefetzen streichelten die Luft, als die Tür seinem leichten Druck gerne nachgab.

 

 

*

 

 

ein friedhof findet keinerlei ruhe kommt wenn du sie nicht erwartest du von mir dich zu verderben entsteht nur aus ignoranz der schlimmsten aller verbrechen begehen nicht die bösen denn dazu sind sie bestimmt sondern die guten ins töpfchen die schlechten sind stark sind nebelritter in der nacht heißt sehen was die dunklen augen nicht trübt dich die hoffnung auf rettung deiner seele bedeutet träume dich zu mir kannst du nicht feind werden ist nicht deine aufgabe auch nicht dem grellen volk ist ohne dich nichts übrig wodurch sie leben kannst du nicht im tag zerstört dich liebt die königin der nacht heißt sehen was die dunklen augen ihren schmerz vergessen läßt sich niemals was du nicht weißt du nicht wer ich bin in deinem kopf herrscht chaos gebärt die sterne funkeln nur für dich legt sich die dämmerung in grau auf liebende sind deine freunde wirst du finden auf einer nie endenden suche nicht das leben sondern den tod ist nicht was du glaubst du an die liebe nicht vorschnell bricht mancher tag dein herz schlägt krumm für die ohren fremder wanderer das bist du bist ich weiß wie du funkelst für wen siehst du in ihr ist dein schmerz bleibt immer noch nicht verstanden wer ich bin?

 

 

*

 

 

Kaum hörbar leiser Gesang füllte das Zimmer, den das Knistern eines alten Feuers begleitete. In einem einfachen Sessel aus schwarzem Samt saß sie, die letzte Königin, ihr langes dunkelblondes Haar achtlos, doch würdig über ihre Schultern gelegt, bekleidet mit einem schwarzen Kleid, das eng an ihr lag wie eine schlafende Katze. Dunkler Teppich kleidete den warmen Boden, auf den sie jetzt schüchtern ihren nackten Fuß setzte, sobald sie ihn erblickt hatte. Der Gesang verbarg sich in ein nächtliches Echo. 

"Ich bin so froh, daß du da bist", sagten ihre blauen Augen leuchtend.

"Ich glaube, du hast mich gerufen", sagte er. Ein paar Sekunden nur, und schon war sie in ihm wie immer zuvor.

"Ja. Ich brauche dich hier. Bitte, geh nicht von mir. Du bist nicht wie die Sonne, deine Augen sind zu stark für ihr Neon. Bitte, geh nicht. Du gehörst nicht zu deinem Mond, und die Sonne wird dein Meer trocknen, Nebelritter. Höre auf damit, dich zu verleugnen, und bleibe endlich wieder deinem Weg treu."

Solitude war leise hinzugetreten aus einem anderen Raum, aus einem anderen Leben, das sie berührt hatte. Er fühlte die traurigen Augen auf seinem Hinterkopf, und sie schienen dasselbe sagen zu wollen.

"Wohin willst du gehen, wenn der Tag deine Augen blendet, wo willst du ruhen in einer Welt, deren Halogenkaskaden selbst in unserem Reich, das sie "Nacht" nennen, noch durch deine dünnen Augenlider deine empfindliche Iris brennen? Wo das stete Lärmen deines Telefonweckerradiofernseherrechners die Gedanken aus deinem Kopf schlägt wie der Hammer eines groben Schmiedes Funken aus glühendem Eisen? Wo deinen Grenzen keine Phantasie gesetzt wird, wo Gespräche, Trojanischen Pferden gleich, mehr Pest verdräuen als sie Geborgenheit ausgießen, immer nach dem Hintenrum des Gedankenspiels deine Arglosigkeit zerren? Du bist einer von uns, von den Grauen, deren Aufgabe es ist, außerhalb zu stehen und der anderen Augen zu öffnen, so weit es noch geht. Du warst einst einer der Mächtigsten. Wo bist du jetzt?"

Solitude schaute mich noch fragender an als ihre Rede. Ich konnte ihrem Blick nicht ausweichen, sie erschien mir plötzlich überall, gespiegelt, gewachsen, größer als ich und so viel älter, so viel weiser. Fast unmerklich streifte der steinerne Hauch ihres sternen Blickes meine Augen, und ich fühlte ihr Abbild in meinem Kopf. Sich selbst konnte ihre Harlekinsmaske auf meinem Gesicht spüren, seltsam vertraut. Als Arme Hände zum Gesicht hoben, um jenen sanften Druck zurecht zu rücken, wischten sie jedoch nur Tränen ab, die meine blassen Wangen salzheiß verbrannten wie Meerwasser in der Mittagssonne.

"Ich werde euch nie verraten, alles, was ich will bist du, ich will, daß du wieder meine Prinzessin bist, nicht unerreichbar auf dem finsteren Thron, dem ich nicht oft willkommen sein darf. Aber ich liebe sie." Meine Blicke hielten nicht stand und fielen krachend zu Boden, während ich sagte, was ich glaubte.

"Ich weiß, daß sie das tut, und daß ihr einander gut sein könntet, aber es steht nicht geschrieben in den Büchern dieser Sphären. Ihr seid nicht von hier und ihr seid nicht aus derselben Welt, allein daran, daß ihr anders seid als die anderen, erkennt ihr euch so genau. Deshalb dürft ihr nicht glücklich werden. Es tut mir so leid, aber..."

Meine Tränen ließen sie nicht mehr sagen. Der Freund kam zurück, Stetson, der mit mir so oft das Leben würde zerkämpft haben, Stetson, der mir noch nicht mehr bekannt. Meine Stimme kannte weder Laut noch Wort dessen, was mein Kopf nicht verstand und mein Herz nicht fühlen durfte.

Ohne Wort ging der Freund um mich zu, schaute zu mich herum mit seinen nie gesehenen Augen, sprach auf mich in unverstandener Sprache. Ich sah seinen großen Mund Vokale formen, sah seine Lippen Konsonanten pressen, vermerkte das unruhige Springen in seinem Hals, doch ich hörte ihn nicht, ich hörte nur das Geräusch eines abfahrenden Zuges und die flehenden Schreie im Fahrtwind erhobener Hände. Ein Friedhof wie ein Marktplatz, laute Rufe, klappernde Schritte wie Herzklopfen über den Kieselweg.

Solitude betrachtete sie nur noch einen Augenblick, um dann mit der Königin an ihnen vorbei in ihre Gefilde zu verhauchen. Er drehte sich viel zu spät um, so schnell er eben konnte: Sie hatten ihn schon allein gelassen mit Stetson, der ebenso verschwunden war, wie ihm seine Augen berichteten, selbst mich konnte er nicht mehr entdecken. Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt, aber das macht nichts, ich wette, Sie haben es noch nicht einmal bemerkt.

Der Traum verkam zurück zu seinem Zimmer, und das Zimmer, die Kerzen, die Tücher erinnerten SICH an ihn und ihn an SICH. Die Tür öffnete sich. Sie kam herein. Eine braune Plastiktüte war in ihrer Hand, und sie trug einen roten Pullover, blaue Jeans, braune Docs, dunkelblaue Jacke. Ein Lächeln erschien.

"Ich bin zu spät. O Gott, ist das schön hier. Du hast es echt schön gemacht hier. Es ist wunderschön. Ist das alles für mich? Hast du etwas bestimmtes vor oder einfach nur so? Habe ich irgendeinen besonderen Tag vergessen?"

"Nein."

"Laß uns sofort ins Bett gehen, ja? Ich möchte, daß du das alles ausziehst. Du hast doch nichts dagegen."

Kein Fragezeichen.

"Also..."

"Ich freue mich so darauf, mich jetzt ganz eng..."

Seine Aufmerksamkeit floh von dieser selbsterschaffenen Bühne, die ihm nun gar nicht mehr genehm war. Ihre Augen waren die Sonne, während ihre Haut sommersprossig an seine fiel, die sich nicht wehrte, jetzt nicht mehr, da sie nicht mehr angezogen war und er nackt. Die Augen öffneten und schlossen sich im Akkord, die linke Hand bewegte sich argumentativ linksherum über seinen Rücken, eine Haarsträhne bedeckte gnädig seinen zerfetzten Nacken, gurrende Laute entkamen ihrem Rachenraum. Die Betastungen wurden schneller, rhythmischer, tiefer. Er spürte den Tag, wie er festen Schrittes die Nacht um die Erde jagte; er spürte ihn näher kommen, so daß seine einzige Behausung ihn wieder würde verlassen müssen, um des ewigen Schicksals Plan nicht zu brechen. Sie öffnete den Mund, und er konnte ihre harten Zähne sehen. Atem springt hervor und dringt in ihn ein, er kann riechen, wen sie zuletzt mit ihren zerfurchten Lippen nur benetzt hat, weil sie von Älteren aus dem Fressen heraussozialisiert worden ist. Man zerrt an ihm, man zerreißt die unbemerkten Schleier, die seinen Körper schützen, der seine Seele schützt. Ein Tropfen Blut verläßt sein Auge, da die Adern, Ströme von Tränen hinkend mit sich schleifend, ihm ein zu kalter Hort geworden; und sein Blut schreit und heult wie ein Wolf in karpatischer Nacht, als sie beginnt zu saugen und zu schmatzen. Seine Augen warnen einen Abwesenden vor einem Gesicht, das sich um so rötend aufbläht, wie das andere zu Herbststräuchern verfahlt. Gischt steigt durch seine starren Glieder wie nackte Angst. Über ihm glüht sie in ihrem Narzissenblut, während ihr Leib wächst, er wird dunkler, gar schwarz, er sieht Haare, Haare überall auf ihr, auf Armen, die ihn festhalten, zu viele Arme, ihr Unterleib schwillt wie giftgefüllt und rundet sich, fesselt seinen Blick. Haare pressen sich an seine Haut, spitz, durch sie hindurch, es kommt ihm vor, als saugt sie, er schaut nach oben, zu viele Augen, leere Augen, schwarze Augen, nein, alle Farben, grell, Tentakel auf ihren Lippen, Biß, Schrei.

Die Königin der Nacht wandte sich langsam ab, als die Geräusche durchdringender wurden. Das Grau in ihren Augen verdüsterte sich noch weiter, während sie tonlos Verzweiflung vergossen. Sie schlug einen schwarzen Überwurf dicht um ihre gebeugten Schultern und nahm ihren Weg langsam durch seine Gedanken zurück in ihr verlassenes Lehn. Sie schien sich nicht zu bewegen; ein Beobachter hätte denken müssen, sie werde einfach nur kleiner, je weiter sie tatsächlich weg war, bis sie nach kurzer Zeit dann einfach verschwunden war, eingeatmet gleichsam von einem verhangenen Nachthimmel, dessen blau nur noch den Sternen enthüllt war.

Er aber lag bald neben ihr, sein Haar in Strähnen zerrissen. Sie hatte die Augen geschlossen und entließ wohlige Geräusche aus ihrer Kehle. Kurzer Dialog über die Pläne für den nächsten Tag, dann Stille, außer in seinem Kopf natürlich. Sie bedrängte ihn noch enger mit ihrem noch feuchten Körper. Sie atmete langsamer, gleichmäßiger. Sie zog die Decke dichter an sich. Sie schlief den Schlaf der Gerächten. Er lag und dachte, klassischer Stil, nicht wahr? Abblende.

 

 

*

 

 

Wer ist da?

Hallo? Ich höre dich doch atmen, irgendwo dahinten, irgendwo im Schatten. Ich weiß, wer du bist, ich kenne das Geräusch genau, irgend etwas zwischen Husten und Atmen, leise und gleichmäßig, endlos wie dieses leise Rauschen in den rattendurchfluteten Wänden alter Häuser, das man nie wieder aus seinen nervösen Ohren verbannen kann, hat man es erst einmal eingesogen. Ich weiß, wer du bist. Irgendwo... Wir müssen uns irgendwo schon früher begegnet sein, oder? Es muß lange her sein - tritt doch aus dem Schatten, wenn ich erst dein Gesicht sehe, weiß ich es wieder! - vielleicht waren wir zusammen auf demselben Kinderspielplatz, teilten dasselbe Karussell für kurze Zeit? Es war eine schöne Zeit, soweit ich mich nicht erinnere. Ich meine, darum geht es doch: Schöne Zeit ist, woran sich niemand erinnert. "Schöne Zeiten", sagen alte Männer zwischen ihren Bäuchen, "prächtige Jahre, nicht wahr?" Und andere nicken verklärt, "Ja, ja", hört man aus diversen Zähnen zischen, gefolgt von unbedarften Seufzern und verwunderten Gedanken, die Dinge aus dem Vergessenen kramen, die nie geschehen sind. Kommst du von dort? Bist du einer von denen, die ich nie getroffen habe, an die ich mich aber so gerne erinnere? Bin ich dir auf der Verlorenen Straße begegnet, die auf der anderen Seite der Wolken das Himmelsmeer berührt? Ich weiß, daß sie Graue und Schwarze birgt, daß wir beide einst dagewesen sein müssen. Alle, die ich kenne, habe ich dort getroffen, aber noch nie jemanden, der mich kennt. Niemand kennt meinen Namen hier, niemand hat je mein Gesicht gesehen in dieser Gegend, deren verkrampfte Faust mich trotzdem fester hält, als daß ich atmen dürfte. Vielleicht hast du irgendwo mit offener Hand am regennassen Straßenrand gesessen, als ich in meiner typischen Art vorbeiträumte, immer wieder zerrissen von eisig kalten Blicken über meine Schulter. Ich laufe oft durch diese Phosphoralleen und versuche, mich im Regen zu verlieren, aber irgendwie finde ich immer wieder in meine Nähe, und wir gehen zusammen nach Hause. Es ist so schwer, sich zu verlieren. SICH klebt. Ich war im grimmen Reich der Ratten, nackt und mutiert in fleckiges Rosa, die die vorzeitlichen Wände weiser Bibliotheken durchhetzen, aber SICH folgte, auch als ich flog auf meinen Wortschwingen, auch als mein Gefängnis seiner Seele beraubt auf den Tisch fiel, verlassen und SICHlos.  Dann bestieg ich diesen grinsenden Wolkenkratzer, den du durch das Fenster über der Treppe ragen siehst - von oben siehst du sogar die Klippen am Gipfel des Regenbergs und seinen alten Wald! - doch im spiegelnden Glas der Aussichtswände, die dem Himmel kein Licht stehlen, im Angesicht meiner selbst sah ich ihn hinter meiner rechten Schulter ruhig stehen oder schweben, es ist immer schwer zu sagen, was er eigentlich tut oder denkt oder ist. Ich habe ihn bedroht, ihn angeschrien, ihn angefleht auf diesen zerkratzten Knien, aber er geht nicht. Als ich ihn schlug, traf ich nur irgend etwas, das hart genug, meine Hand in blutigrot zu waschen. Aber jetzt, wo du hier bist, ist SICH weg, und du folgst mir nicht, du sprichst mich nicht einmal an. Nicht, daß SICH jemals gesprochen hat, aber er wird es jede Sekunde tun, etwas Schreckliches sagen, das mein Haar weiß bleicht und rote Augen blutet, er war im Begriff, es zu tun, mehr als 22 Jahre lang schon. Aber jetzt ist er fort, und ich bin frei. Hey, wo willst du hin? Geh nicht, ich will nicht wieder zu ihm zurück, nimm mich mit dir. Bleib´ stehen, bitte, endlich frei, so lange du da bist.

Und in den Schatten springt er und folgt ihm nach, wo auch immer er sich hinwendet, endlich frei. Vorbeikommende Leute wollen eine Dornenkrone auf dem Kopf des Vorauseilenden gesehen haben, aber ich glaube nicht, daß das wahr ist: Ich bin sicher, daß es eine Narrenkappe ist, die sie tragen, abwechselnd, zugleich, beide, es macht keinen Unterschied mehr, denn er hat sich an seine Fersen geheftet. Geklebt gar.

  

 

*

 

 

Das starre Feld ist grau geworden, ein Acker eher. Am franselnden Rand sticht ein fahriger Baum wie ein dorrender Dorn in die tote Erde, die deckenden Blätter längst im knirschenden Boden verdaut. Die laute Ernte dunkelt jetzt im schlummernden Schuppen, verzehrte Vögel, lieblich und verliebt, starren Stille in den vergessenen Ährenleichen, gebrochenen Armen gleich in bizarren Winkeln gekreuzt, leere Kabel, leere Adern. Von fern haucht der letzte Rabe heiser, Krähen, Krächzen, Kichern, ein lebender Nachruf für Tote ohne Seelen. Brauner Verfall verschlammt die aufgerissene Sommererde mit seinen verstreuten Lumpen, fadenscheinig, wo immer der hagere Frost seine wahnverschlissenen Zähne hineinfrißt. Lautlos schwillt der Fluß zu einer harrenden Furunkel, eiternd in seinem vergifteten Schlick.

Ein dürrer Ast bricht zu laut aus der Leichenstarre, der Rabe fliegt auf und mit ihm die letzte Hoffnung, nur dem Namen nach noch sie selbst. Der schwarze Flügel hebt sich, senkt sich, ruhig und weich, fließt in Schläge, atmet Wind, leichten Äther und atmet und schlägt und fließt und pocht den Puls der Poren im puren Himmelblau. Erhaben betrachten die Wolken die getrennten Schwestern, die sich windstill am Boden winden.

Erde ist kriechender Schlamm hier unten, grob und knöchernd, schürfend gekrustet, nichts kriecht auch nur in ätzender Zähe, wo, wohin, woher auch immer die Uhr ihre schrägen Zeiger zieht. Keuchend und starr, verzerrt wie der Kopf am Hafen, schroffe, dolchscharfe Wellen im harten Hirn des erschossenen Assassins.

Gegen den gefrorenen Nebel Glassplitter ragen, hinein, hinaus, Opfer die Luft, ohne Blut, da leer, öd, aber nicht wirklich den Augen durchsichtig, ranziges Öl auf Glas. Ein Meer ganz hinten, nur schiefer Horizont, der ideenlos dort fragt, wo nichts mehr entstand, grüne Nebel verschwimmen im argen Gift. Zerfressener Staub sucht verpestete Lungen, vergeblich vermessen, keine kollektive Bedeutung in den wühlenden Armen der Stürme von einst, geblieben nur die kränkelnde Symbiose des Drecks im atemlosen Gas. Nichts ist noch hier, nichts außer nichts.

Die alte Handfläche der Liebe, der Titel. Tagelang starrt er jetzt schon darauf, sitzt, wacht.    

 

 

*

 

 

Eine alte, lebensgebeugte Frau trägt ihre zu groß gewordene dunkle Haut durch ein weißes Zimmer. In den krummen Knochen ihrer harten Hände hält sie einen neu gekauften Schrubber, flackernd gelb, der einen grauen Putzlappen durch den benutzten Raum wirft und den Boden in zerzaustem Wasser ertränkt. Ihre fast noch schwarzen Haare hat sie unter ein blaues Kopftuch gezwungen, so daß sie das dunkelrote Kleid und die braune Schürze um ihren gedrungenen Körper nicht berühren. Erst als ihre zerlaufenen Lederschuhe gegen den halbleeren Eimer klatschen, sagt ihr der kleine Spiegel über dem sauberen Waschbecken neben der Tür, wie er seinen Kopf erhebt, den er auf seinen ausgezehrten Armen dem schieren Tisch und seinem Schlaf hingegeben hatte.

"Guten Abend"

Als sie sich näher durch den Raum sieht, zeigt sich ihr das leere Bett, nackt ohne seine sauberen Bezüge und angestammten Decken, und sie kommt sich vulgär vor in dieser intimen Szene, die sie sich nicht ausgesucht hat.

"Entschuldigung"

Er nickt sanft und lächelt, wirft die Hand, schaut sie an. Sie sieht genau, wie der Schlaf an seine Augen tritt, und wie er ihn immer wieder verjagt hat, sie sieht seine Hände in greisem Zittern durch die fettigen Haare streifen, sie sieht den alten Bart auf seinen weichen Wangen. Sie sieht einen Freund, und sie sieht, wo der andere fehlt zu zweien.

"Es tut mir leid."

Er schaut sie immer noch an, fast wie eine jüngere Schwester, die ihre Liebe in selbstgemalten Buchstabenbildern von ungeübter Grundschulhand verschenkt, voller Dankbarkeit und nachglühender Wärme. Sie weiß, daß er nicht mehr weinen wird, weil er nicht mehr kann. Sie sieht, wie seine trockenen Lippen sich behende öffnen, um höflich eine Antwort zu freundlichen, aber es scheint, als bringe er nur Staub aus sich und seinem striemig gefolterten Inneren hervor. Sie weiß, was er gesagt hätte, was jene gesagt hätten, die diesen Staub vor ihm hier in ihre Lungen sammelten, wenn sie sich nicht so sehr vor dem Klang fürchteten, die letzte Waffe des Todes, die als einziger unerbittlich die Zeitengletscher aus diesem Vakuum treibt, in dem ihre Freunde noch keine Körper sind, in dem sie sie nah glauben.

"Nicht warten hier", spricht ihr fremder Akzent mit ihr, "sie nicht kommt zurück hier."

Sie weiß, daß er nicht antworten wird, sie weiß, daß er nach Entgegnungen sucht, die er sich selbst erwidert und verwirft, aber sie umschwärmen ihn wie Wespen das Licht, sie sieht sie kreisen und drehen und schwirren, und wie er die Hände hebt, sie abzuwehren. Sie weiß, was geschehen wird.

"Ich will nur noch ein bißchen bleiben, wenn ich darf, ich weiß nicht, wo ich sonst hin soll ohne sie, ich weiß nicht, wo sie ist, ob sie noch ist, ich bin jeden Tag hergekommen, und jetzt will ich nicht einfach so wieder weggeh..."

"Ich muß saubermachen hier, du mußt hier gehen."

"Aber..."

"Du mußt hier gehen."

Sie dreht sich wieder zu ihrem Eimer und taucht den Lappen hinein. Es tut ihr weh, aber sie weiß, daß er gehen muß, und daß es jetzt leichter sein wird als morgen, ewigmorgen. Sie hört ihn tief atmen, und seine ungebeugten Gelenke knacken zu laut, als er seinen langen Oberkörper nach oben zieht, die unflutenden Venen in seinen geschwollenen Händen auf den dünnen Knien gepreßt, die Augen in schwitzendem Schwindel geschlossen, die Füße in schrägen Winkeln dem künstlichen Boden anheimgestellt. Seine Aber-Stirn wellt sich von seinen weit geöffneten Augen weg, als zusammengezogene Schultern ihre Weisheit erfragen.

"Du mußt essen."

Sie nimmt seine kalte Hand und vertreibt das nasse Zittern; und zusammen schleppen sie ihn in die Cafeteria im Foyer. Als sie das Zimmer verlassen, sieht er in den groben Spiegel, der zerbrochen von einer Seite zur anderen schief zurücklächelt, und sieht sich und sie an diesem Bett, wie sie lacht, wie sie redet, wie sie berührt, wie sie atmet, wie sie anschaut, wie er liebt, wie SICH liebt, während er schläft.

"Prinzessin", sagt der SpiegelSICH, "du bleibst immer meine Prinzessin."

"Nein", entläßt das Bett aus dem in ihm gefangenen Körper, "nichts bleibt immer gleich, und ich weiß nicht, wo ich bin sein wird."

"Bleib´ doch einfach hier...". Tränen.

Sie lächelt. Wie immer, starke Schwester meiner schönsten Träume, wie immer, so stark in deinem festen Blick, so wundervoll in deiner zarten Würde.

"Du mußt essen."

"Ich kann nicht. Ich bin so schwach, ich kann einfach nicht. Aber geh nur, wenn du Hunger hast, ich verspreche, ich warte hier!"

Sie lächelt. Wie immer, wunderbemalte Vertraute meiner letzten Luftschlösser, wie immer, so funkelnd blau in deinen Nachthimmelaugen, so dämmersanft in deiner schwersten Stunde.

"Du mußt essen."

"Ich komme", sagt er, "ich komme schon." Tür zu?

aHaH

 

 

*

 

 

Hilf mir.

Du weißt genau, ich meine Dich und sonst niemanden, nur Dich, die sich jetzt als einzige angesprochen fühlt, die einzige, die ich herbeierinnern kann. Ich habe alle meine Brüder verloren, oder eher: sie mich, denn alle sind sie gegangen, fortgelockt nur durch das Lied eines geheimen Vogels in das balladenbesungene Traumland eines arglosen Geistes. Mir aber riß dieses Lied nur saugende Wunden, und der kalte Schweiß verbrannte meine weißen Augen lichterloh. So stammele ich nun blind durch diese blinde Welt, da mein Sehen niemals sonnengleich gewesen ist, und wenn hier doch etwas ist, so kann es nicht mehr zu mir gelangen; außer Dir, die Du an mir mit Deiner starken Beine Eile vorbeigehuscht bist, die Du Deine stillen Dolche in meine klaffende Brust geblickt, Deine gütigen Pfeile in meine offene Seite gesprochen hast. Ich habe heftigst lange Zwiegespräche mit den Größten geführt, Geoffrey, Eliot, Williamsborrough, mit ihnen und anderen; die naive Viktoria ist gekommen und gegangen mit ihrem weltfremden Vater - nur 30 Jahre alt ist er geworden, und jung und kindlich ist er in der Stunde ihrer gelangweilten Geburt in ihre Arme gestorben, die ihm offenstanden wie ein gähnendes Maul. Schließlich habe ich auch den alten krummen Professor verstehen müssen: Niemand barg mir Trost, und für mich kann es keine Bristolstraße, keinen schäumenden Fluß, keine Eisenbahnbrücke geben, wahre Antworten ohne Fragen. Ich sehe sie nicht mehr, einige noch ganz schwach wie eine Silhouette gegen die Sonne; indes durchstreift mich fahler Nebel in meinem gläsernen Auge, dessen Licht die träge Welt wie ein Blitz geblendet. Aber Du bist hier, und deutlich erkannte ich deine reinen Züge, während das unscharf flackernde Gelb in gesprungenem Rhythmus durch die Mitte an mir vorbeihastet und Dich mit sich zieht gegen meinen unfreien Fall. Aber warum solltest Du bleiben, ich bin schließlich nur einer von den vielen anderen, die an ihre eigenen Bankette treten und SICH selbst, der sich dolchlos, schutzlos, arglos gefräßig über die eigenen Visionenleichen beugt, wie sträubende Haare auseinanderzausen. Und wenn tatsächlich jemals jemand über SICH gesprochen hat, und sei es nur mit sich selbst, so hat er wohl nicht eben mich gelobt oder auch nur bemerkt, der ich der jüngste unter den Kindern seines Schattens, der geduckteste und ewig blind nach Traalscher Weise. Meine karge Kleidung kauert mich perfekt, meinen Hut verlor ich vor meinem eigenen Troia, meine zertretenen Schuhe schmutzt der starre Schlamm seiner staubharrenden Steine auf dem gefallenen Boden: Sieh mich an, wie ich vor Dir stehe, sieh meine trüben Augen mit dem tausend Meilen entfernten Blick, sieh meine bekrusteten Hände, wie sie zu Dir strecken, und schaue die strömenden Knie im verwundeten Blut. Ich, der ich einst den Größten grimm um unverzeihende Mauern schleifte, ich stehe Dir in verwässertem Rot zu Angesicht, allein, öd und leer. Und nicht mehr frischt weht kein Wind zur Asche der zerstaubten Heimat, die wir so oft in unseren Gesprächen untergehen lassen mußten.

Genug. Warum verstecke ich mich gerade vor Dir, die Du mich doch besser kennst seit so kurzer Zeit, als ich mich selbst, hinter all diesen dunklen Symbolen und vergangenen Andeutungen und zertrümmerten Büchern? Dabei ist es so leicht, es einfach auf dieses Blatt zu schreiben, an Dich, immer nur an Dich: Du fehlst mir, warst Du auch noch nie wirklich bei mir und noch niemals mein. Du fehlst mir, weil Dein Blick deine Worte zu mir trägt in einiger Umarmung. Du fehlst mir so, die Du niemals zu mir gehört hast, in welcher Richtung auch immer ich die Zeit und ihre leeren Pfade durchwandere.

 

 

*

 

Ein grauer Raum, leer, nicht einmal Spinnweben, Stühle und Unsichtbare darauf, nur ihre Stimmen in die Welt. 

Der Freak: Gehe ich oder bleibe ich?

Ein Mann : Eine Stütze der Gesellschaft, hier in unserer illustren kleinen Runde, ein faux pas von der traurigen Gestalt. Ecce humunculus, und hin und her und keine Lücke, durch die er hinundhert. Wohin geht er denn, wohin will er denn, wohin kann er denn, der Herr Seltsam?

Epheron:  Rede! Ich sage Dir, rede!

Ein Mann : Der Rote und der Dunkle hatten einen gemeinsamen Gedanken, doch er verschwand in eine stotternde Frage. Und die Zukunft lachte, und die Vergangenheit weinte, und so hoben sie sich auf; nur die Frage blieb, weil man die Antwort schon kannte: Sie liegt in einem Kuvert in einer Schublade in einem Zimmer in einem Haus in nicht Deiner Welt. 

Der Freak:  Was erzählen Sie da? Zu wem sprechen Sie?

Der Mann: (steht auf) Na erlauben Sie mal! Na hören Sie mal! Das ist ja wohl, also wirklich! (setzt sich)

(In einer Ecke erscheint hockend ein blutüberströmter grauhaariger Mann, schaut nach oben, grinsend, in Jeansstoff gekleidet, die Augen so grau wie schmelzender Stahl.)

Epheron: Wow, Bob, wow!

Der Mann: Das ist nicht mehr unser Buch, das Ihr da schreibt, Euer Ehren! Laßt uns nicht allein hierdrin, es ist nicht gerade ein Vergnügen, sich mit diesen Psychokrüppeln herumzuschlagen.

(Der Grauhaarige verschwindet.)

Alle hier : Klappklappklappbravobravoklapp.

Epheron:  Welcher Akt? Warum bin ich schon aufgetreten, mein Stichwort, hat jemand mein Stichwort gehört? Kennt jemand mein Stichwort?

Der Freak: Auf welcher Bühne spielen Sie? Haben Sie sich verlaufen?

Epheron:  Warum seid Ihr zu mir abgetreten? Mein Stichwort, hat jemand mein Stichwort vergekannthörtnommen? Hallo, bin ich noch da-ha?

Samuel: Weder noch. Ihr findet immer etwas, um Euch einzureden, daß Ihr nicht existiert, nicht wahr, Didi?

Didi: Tut mir leid, es ist nicht möglich, mit mir zu sprechen. Wohin auch immer, woher auch immer. Weg bin ich, wenn ich je hier war, und das, hast Du selbst gesagt, Vater, ist nicht einmal sicher, obwohl ich etwas sage, was sich aber selbst aufhebt, Wort und Anti-Wort, lange nach dem großen Urschrei.

Samuel: Das ist absurd.

Michel:  Und gefährlich, unglaublich gefährlich.

Friedrich: Ach, kennen wir uns etwa? Ich dachte, ich sei widerlegt oder geisteskrank oder so..?

Epheron: Welcher Akt? In welchem Akt sind wir? Weiß jemand, in welchem Akt wir uns befinden? In welchem Akt, bitte?

Ein Leser: So etwa in der Mitte, würde ich sagen, aber das ist nur grob geschätzt. Immerhin ist das Werk ja noch im Entstehen. Dritter Akt also, wenn Struktur noch etwas gilt, kurz vor oder auf dem Höhepunkt, unter Vorbehalt gesprochen, allerdings.

Jacques:  Ist das die Straße nach Logopoeia? Ich möchte bitte rückwärts laufen, wenn es Ihnen nichts ausmacht; ich bin nämlich einigermaßen geheimnisvoll und lege Wert darauf.

Michel: Merken Sie sich mein Wort: Es gibt kein Wort.

Eben jener Leser: Ach, und dann gibt es auch keinen Text? Ich verende, also war ich?

Rene:   Laßt mich gefälligst da raus!

Epheron: Geht es noch schlimmer? In der Zickzackwelt hinundhert der Magier durch die keine Lücke, in der er sich bewegen könnte. Ohne Zeit, ja, ohne Zeit bewegen, das ist des Sängers Höflichkeit. Zähne des Wahnsinns, stumpf heute nacht, hihi.

Der Freak:  Entschuldigen Sie, ich suche den Weg nach draußen...

Der Butler:   Durch uns durch und dann links, vorbei an der Bronzestatue und auf zur Tür. Diese öffnen Sie dann mit einem gewissem zu erwartenden Elan, treten auf die Straße, und schon sind Sie unterwegs.

Harry Bloom:   Mir wird langsam langweilig, Leo.

Leo Bloom: Es geht noch schlimmer, glauben Sie mir; ich war dabei. Es fehlt noch eine Stelle auf Altgriechisch zum Größten Anzunehmenden Unfug.

Broca:  Hat von Ihnen vielleicht noch jemand Interesse, in meiner Bibliothek zu arbeiten? Wir suchen immer gutes Personal.

Ich:  Wenn ich jetzt alle Beteiligten wieder auf ihre Plätze bitten dürfte? Die Zeit steht gerade still, und ich möchte das letzte Licht noch ausnutzen. 

Der Freak:  Entschuldigen Sie, ich sehe hier keine Bronzestatue...

Der Butler:  Tut mir leid, dann sind Sie hier falsch.

Epheron: Und im Kreis und im Kreis und im Kreis tanzen wir uns in den Schwindel, in den Schwindel tanzen wir uns im Kreis und im Kreis und im Kreis.

Wernicke: Wirklich niemand, der unser Wissen pflegt? Wir brauchen dringend Ihre Unterstützung, sonst müssen wir die Bibliothek bald schließen.

Der Freak: (mit einem Photo in seiner Rechten) Entschuldigen Sie, ich suche dieses Mädchen hier, braune Haare, zirka eins sechzig, einfach wunderschön?

Sich:  Nein, tut mir leid.

Ich:  Noch nicht, aber später, versprochen. Sie wird noch auftreten, vielleicht nicht mehr in Ihrer Geschichte, aber es gibt sie schon noch, ehrlich.

Epheron: Aber sie ist gelöscht aus meinen Träumen, verschwunden ist sie, und ihr Bild bleibt nur noch in meiner Hand. Wo ist sie hin?

Ich:   Samuel, ich muß dringend mit Ihnen über ein paar Dinge sprechen...

 

 

*

 

 

An einem Seitenstreifen, von dem aus sie die Straße nicht sehen können, sitzen zwei steinerne Figuren, ein Mann wohl und eine Frau, in ihrer sengenden Sonne. Der Alter, durch die hindurch sie dort sitzen, sind nicht viele, und sie wüßten auch nichts mit dieser Beschreibung anzufangen, und doch scheint die Verwesung aus tausenden von Jahren über sie hergefallen zu sein. Überrascht sehen sie fast aus, wie er mit weit geöffnetem Mund nur noch Luft vorbeiziehen lassen muß, wie sie in ihrem kleinen, auf einen nahen Stein aufgestellten Schminkspiegel das perfekte  Nachziehen ihres Lippenstiftes betrachtet, aber andererseits fehlt ihrem Bildnis der Schrecken, fast, als ob sie schon immer in Fels gemeißelt gewesen wären. Und so will man auch kaum spekulieren, was wohl geschehen sein mag, denn wider bessere Vernunft sagt das tiefgrabende Gefühl, daß einfach nichts geschehen ist. Zu gut sitzt seine farblose Krawatte, zu gebügelt legt sich seine grüne Barberjacke in keinerlei Falten, und sein Haar trotzt dem zausendem Wind und der verderbten Zeit ohne die Miene zu verziehen; einzig sein hervorhängender Bauch widerspricht laut und schrill dem Kleidungsideal, verweist auf ein zufriedenes Leben in behüteter Geistesprovinz. Auch sie, gut genährt in ihrem herausschießenden Becken, das einmal vielen Kindern Platz bieten könnte, trägt ihre beste Garderobe in modischem Ton der konservativen Atzung unserer eingesessenen Kaufhäuser zur unbeachteten Schau. Hört sie dem zu, was er nicht sagt? Unvermutbar.

Auf der Straße, die sie nicht nur aus ihren Augen verloren haben, nähern sich zwei enge Schatten, verschlungen und bibbernd im zitterkalten Westwind. Der November treibt sein totes Sibirien durch die Herzenswüsten, die sogar ihre selbstverschuldeten Tränen nicht verwässern können; sie bluten aus Augen und Nase. Und doch halten sie sich weiter immer fester, auch als ihre weißen Hände die sehnigen Finger aus den Gelenken krampfen und feuerrote Schmerzen aus dem argen Eis blitzen, weil sie geschwollen ihren Wirten nicht mehr innewohnen können.

Bei den beiden am Rand bleiben sie stehen und kommen von der Straße ab. Ein Gespräch stockt sich in wechselnden Rhythmus zwischen Stein und Wüste. Er spricht und spricht und ist doch nur der Stein, aus dem sein nörgelnd kleines Dasein nicht einmal geformt ist, er doziert um Leben, die er nicht kennt, spricht von Welten, die niemals waren, und er spricht in den Wind, der sich die Ohren zuhält, und er spricht zum Boden, der zuckend aus der Tröpfcheninfektion seines Inkommunikanten entflieht, und er spricht zu seiner vermalten Gegenüber, und er spricht zu den beiden Neuankömmlingen an ihrem alten, nie gewechselten Ort, und er spricht weiter.

Die Schatten sehen sich verwundert an, machtlos gegenüber soviel ertotetem Nichts, das sein modernder Atem in ihre Gedanken mordet, das die frische Spur nach Hause in die Irre wischt. Sie sehen sich um, und sie finden die Straße verloren, sie sehen zwei Mittelstreifen vorbeiströmen, als sie still stehen, sie sehen zwei Richtungen,  die sie ihnen bietet, und hinten und vorn. Ihre bewanderten Füße scheinen ihnen immer schwerer, und als sie nach unten schauen, umfaßt schmutziges Wurzelwerk die fragilen Gelenke. Ein Schrei löst sich von seinen zerfurchten Lippen, denn er gewärtigt zuerst, wie seine ungezügelte Bewegung aus ihm gesaugt zerfällt in grätige Routen, und er reißt sich angeekelt los in letzter Kraft, er läuft in Panik nur weg, einfach nur weg, oh mein Gott, laß mich hier weg, bitte, ich kann hier nicht bleiben, wo bin ich nur hin, wohin sind wir nur weg, ich bin mir selbst schon außer Sicht.

Sie sieht ihn stürzen in die falsche Richtung, wie sie denkt, und eilt hinterher, obwohl sie nicht weiß, wohin er, oder ist er nicht?, wenn dort überhaupt eine Abzweigung ist, abbiegt oder weiterläuft, bewegt er sich überhaupt?, ist er noch am Rand?, und sie findet ihn nicht mehr auf derselben Seite dieser verdammnisführenden Nacht, anderes Lachen schieft den dunkelsten aller Türme in den Rosensturz. Er läuft in jeden Pfad hinein, der ihm offensteht, und sie kann nicht zu SICH, sie findet SICH nicht, wenn sie nur SICH folgt, denn sie kann nur dem einem nach, die sie noch nicht viele ist, der sie nicht führen kann, wohin ein anderer und ein anderer und er fallen. In ihren nagenden Tränen verklebt bleibt sie stehen.

 

 

*

Hilflos. Rote Gedanken sickern durch mein Blau, als du mir von deinem Nicht erzählst. Verloren, aber nicht im Wind. Tot vor dem Leben, das Gesicht, das deine Schönheit erben sollte, Hände, die deine Geborgenheit niemals spüren; das Grau stiller Seen. Dein Schrei zu laut, als daß wir ihn gehört hätten, unsere Ratschläge grienen absurd, da wir nicht verstehen können; wir können nur fühlen, wann du lebst, in deinem Seelennovember.

Krähen fliegen jetzt an dir vorbei, Staub sammelt sich auf all den Plänen, die du dein Eigen nanntest; und wir starren in stotterndem Staunen. Deine Augen trocknen aus, während ein Schaudern deine Alpträume zerwühlt, und der Mond ist falsch herum aufgehängt.

Dein Gesicht jetzt zu hart, um es noch zu berühren, alles, was du sagst, schmilzt wie aus weiter Ferne in uns weg, die wir dich nicht mehr finden können; die Ironie zerbrochener Farben. Komm nicht wieder, rief ich dir nach, komm nicht wieder, segele fort, mögen die Jahre an dir vorüberziehen wie die Möwen, und doch werde ich deine geschlossenen Augen nicht vergessen können. Erinnere mich, und nun trink aus, dein letztes Glas; das ist die Milde der Nacht. Folge mir geradewegs durch den Horizont hindurch, wo dein verbranntes Herz etwas Schlaf erhascht, vertausche die Zeit, wo das Leben das Atmen lohnt, wo nichts in Seufzer zerbricht. Drifte ab, die Blätter fallen auf dein Herz, wo niemand weiß, wie du flehst. Flüsterworte wehen die Tränen vom Grab, niemals wieder vereint.

Aber hier, hier rinnt alles in dasselbe, hier gibt es nur den Regen, der uns nicht wäscht. Hier gibt es mich, aber du wirst mich nicht finden, weißt du noch? Reite nicht auf dem Wind, der dich gegen verschlossene Türen nur führt, keine Seele heilt, bis die Sterne herabsteigen. Zu zweit ist eine Wand, Derek. Sprich nicht von Liebe, wenn das Mondlicht winterdunkel verglimmt. Hörst du nicht, wie dein Herz rückwärts schlägt?

Aber hier, hier gibt es mich, hier fällt nur der klirrende Regen, die Fenster pochend. Ich lebe wohl zu schnell, aber ich kann noch nicht sterben, und ich küsse dich einmal, küsse dich nochmal, doch weiß nicht, warum. Ein Brief an mich selbst, in einem Briefumschlag, damit ich ihn nicht öffne. Adoptivsohn, die Höhlen in deiner Seele fluten, sagt er. Ich kann nie nein sagen, außer zu dir. Wohin, wohin, wohin, außer im Kreis, sozusagen. Ein Spiegel für das Labyrinth, hast Du es gemerkt, werter einzig wichtiger Leser? Oder bist Du schon wieder darauf hereingefallen? Bin ich immer noch zu früh? Weißt du überhaupt, wer hier spricht? Ist das ein Anrufbeantworter? Hallo? Ist da noch jemand dran?

 

 

*

 

 

In stillem Grau ragt der wettergekerbte Stein aus dem schottischen Grün des taugeschmückten Frühmorgengrases wie ein trauriger Dolch, der gegen seinen zuckenden Drang ins todgeweihte Herz der verlorenen Welt auf der anderen Seite glitt, voll zarter Zurückhaltung in seiner ungewollten Brutalität. Vom runden Nacken ranken dunkle Efeuzweige herab wie der hängende Kopf eines tragischen Helden, im Erfolg der ungewußten Tat gescheitert, ein Barbar wider den wehmütigen Willen. Sein verhaltener Atem stockt ein mißgelesenes Symbol hervor, unerkannt deutlich, niemals verfaßt, nirgends geschrieben. In die fesselnden Rahmen der übermächtigen Bäume sind die weißen Wände für die Pupillen der Realität nur übermalt; die einst kreuzenden, schlingenden, windenden Schläuche kriechen ihr lautloses Fressen nun in fleischigem Rosa und fettigem Weiß fort, geschäftig vollendet ihr schäbiger Speichelschleim das nagende Werk der kopfschmerzenden Zeit. Der Ort aber bleibt dem Sehenden nur allzu gleich, die Hölle diesem unbekannten Körper, der so kurz zuvor noch SIE hieß. Stetig und langsam, zäh und gallertig, wird die tanzende IST mit jedem unmerklichen Biß in schwellendes WAR verdaut und die enttäuschte WIRD in den hilflosen Armen des stählernen ISTNICHT aus ihrem pulsierenden Blut gealtert; um die triefende Schere ihrer unbewegten Meisterin windet sich noch das angstzitternde Ende ihres getrennten Fadens. Sie ist fort.

Worte, in geraden Keilen ehrwürdig in die Stirn gemeißelt wie Sorgenfalten, künden von ihrem Verlust und dem verzweifelten Gedenken der Welt, die gähnend immer mehr aus ihrer offenen Jugend zergilbt und mit jedem Morgen brüllend ausverkauft, was einst Idee und Ziel, Licht und Stern. Auf der Rückseite hat eine nicht so feste Hand ihren stillen Abschiedsgruß gesprochen, nicht so tief zu sehen von dieser Seite des Steins, Zutritt nicht für jedermann!, doch verschleiert verständlich: Lesbar die dunkelsten Nächte auf durchnäßten Knien im damals noch schütteren Gras, lesbar der schwere, unregelmäßig stockende Atem aus offener Brust, lesbar auch endlich hier diese Augen, oh ja, komm hierher, wenn du lesen willst, was das leere Meer dem wandernden Sand erzählt hat, was der scheue Wind dem zerwehten Nebel geflüstert, was der einsame Regen dem gefallenen Boden in ihrer Stille zugeraunt. Siehst du das Wort, das einzige, das auch geschrieben noch beschreiben kann, was SIE ihm war, solange IST, solange WIRD? Siehst du das kühne Hoffen, das die berstende Zeit umdreht und die verwirrte Sprache ungültig entphrast?

Der triste Himmel zog sich hinter seinen schwarzen Priesterschleier zurück, als der wehrende Spaten den stotternden Befehl befolgt, ihr eine Wunde in die Erde zu schlagen, dieser verwunschene, immerschattende Tag, als ihr die innigste Krone zufiel, ihr, die schon nicht auf den Schultern tragen konnte, auch nur als Prinzessin erkannt zu werden.

Er aber erinnert diesen Tag nicht, der seiner ungewollten Geburt graute, er sieht nur die raffenden Zähne des ratlosen Erdreichs in seinen ewigminütigen Traumfetzen, Tag für Tag, wenn die Sonne so hell grellt, daß die entzündeten Augen selbst Jedermanns sich freiwillig in verschreckten Schutz verkrampfen. Und das Leben geht ihr nach, weg von ihm, ungläubig stockend auf dem dunkelsten Pfad, verloren gegangen an wen auch immer.

 

 

*

 

 

Die Königin der Nacht steht dunkel am Rande des schwarzen Himmels, und wehmütig senkt sich ihr Blick zurück auf eine andere Zeit, weit vor dem letzten Sonnenuntergang, als sie noch in der Geschichte war, die viel fröhlichen Lärm in Nichts verwandeln würde, in ihr und nicht darüber entrückt, eingesperrt in Träume und Visionen. Ihr spätabendfarbenes Kleid, wallende Weite, läßt den Wind wehmütig wehen über die verlassenen Felder, hier und da noch ein vergessenes Erntewerkzeug, über die stillen Straßen den schlafenden Stadt und ihre geschlossenen Geister, über rinnende Flüsse, murmelnd im Traum, über sternenzwinkernde Seen, wie Augen im blinden Saum der Erde. Zärtlich betrachtet sie, was einst ihr Zuhause war, bis der Herbst kam, in dem er schließlich begriff, daß sie immer noch im Frühling wohnte und dort bleiben mußte. Und sie sieht ihn noch, wie er mit einem Lächeln kämpft und verliert, wie er verharrt an einem Bett, in dem er sie vermutet, aber nie mehr finden kann. Und die Sonne ist brennender Staub, und das Meer ungenießbares Salz ohne Sinn; der Himmel ein offenes Maul, geboren zu verschlingen, die Erde das bedeutungslose Opfer. Sie sieht, wie er bricht, die fließenden Risse von seinen schlaflosroten Augen bis tief in die Brust und ihre quellenden Blutströme, in denen SICH beinahe ertrinkt, jetzt da er hervordrängt wie ein Bildhauer durch den sterbenden Stein, dem Zimmer und dem Warten entkriechend, ganz wütende Augen sein Sein, schnaubend in rastlosem Grimm. 

Alleine steht sie an der Klippe, die den Horizont beendet, während die munteren Sterne sie freundlich anlächeln, und sie nickt ihnen in bittersüßem Heimweh zu. Der Wind schmiegt sich katzengleich an ihren gebeugten Schatten, eng in geatmetem Trost, und flüstert ihm ins Ohr von besseren Welten, die er gesehen. Sein Leben aber ist jetzt zu weit, und ihr Tod muß weitergehen, nur vergessen kann sie nicht, wünscht für ihn in neidloser Freude, leidet mit ihm in stechendem Schmerz, sorgt um ihn mit behutsamem Augenschlag, und kann doch nichts tun, kann nicht berühren, was sie sieht, beantworten, was sie hört, lenken, was sie regiert, Kassandra. Einzig in seinem Traum, wenn gnädige Fügung seinen erschöpften Geist zu ihr spülen läßt, darf sie noch sein, was ist.

"Die Angst scheint mehr Jahre als die Sonne."

Nebelhallende Stille lauscht atemlos, als Solitude sanft zur frierenden Schwester tritt; ihre warme Hand findet die sinkende Schulter verblichen und alt, zurückweichend vor ihrer ungewohnten Achtsamkeit. Wie verirrte Nymphen stehen sie sich fragend und wissend gegenüber, Solitudes Hand in ihrem Haar, vertrauter Druck bittet die Königin in offene Arme und Schutz, wo Solitude ihr stiehlt, was sie niemals besitzen wollte. Eine einzelne Träne, besiegtes Relikt des Lebendigen, verwischt in Solitudes Haar, das in tausend Berührungen das starr in der Nacht heftende Gesicht liebkost, immer noch stolz, immer noch stark in lähmendem Schmerz. Nur der kauernde Schatten, flehend im deckenden Dunkel, schreit sein flammendes Rot in ihr Düsterblau, im eigenen Schall ertrinkend; Solitude hält sie nur fester in verzweifelte Geborgenheit, und die Nacht sinkt halb gelehnt, halb gefallen zurück ins Niemalsland ihrer stützenden Arme, vor der Flucht flüchtend in Mut und Jetzt.

Ein schwarzer Falke erhebt sich majestätisch aus einem Feld voller Sommerblumen, in dem Epheron zaghaft seine Heimat sucht, wie ein Schatten aus dem Tau schmilzt, wenn der Morgen naht. Langsam, mit dem sonnenbunten Schmetterlingslicht beginnen die versteckten Blüten, ein schüchternes Blühen zu wagen, und Epheron sinkt zaubertrunken auf die Knie in staunendes Glück, in tief atmende Freiheit, in arglose Schönheit einer unausgesprochenen Vermählung. Wie in jenen wertvollen Tagen, in denen der Sommer noch zögert, und der Frühling voll friedlichem Stolz auf sein wundergetränktes Werk den Segen des Schicksals herabfreut, so formt dieser einzige Moment erleuchtet die sprachlose Welt, ein Kuß entstaubt die wiedergefundene Sonne, der Schatten eines Blickes bewacht einen neuen Mond, der dem alten gleicht wie eine Nacht der anderen.

Und wenn sie schläft, ist sie noch näher. Und wenn sie träumt, schmiegt sich ihr zarter Rücken in seine verblüfften Arme, die nicht verstehen, was sie dort suchen könnte, noch weniger, was sie dort findet. Von ewiger Liebe murmelt sie im Halbschlaf und träumt sich in ein Wagnis, dem ihr frisches Leben noch zu scheu ist zu folgen. Groß wird sie, wie er in ihren friedlich ruhenden Augen liest, und stärker, als sie glaubt, daß sie je sein könnte.

Für wenige Sekunden nun, für diese ewigen Sekunden schwebt eine weiße Schwinge, lang erwarteter Fremdling!, flüchtig vor den Flehenden in der Zeit nur, ins kerzenbeschienene Schattenglühen einer verdorrten Seele.

 

 

*

 

 

Stellen Sie sich vor, daß ein wunderschönes Mädchen, ganz in Schwarz versteckt, die Hände unter die Bünde ihres schweren Pullovers gedrückt, nun, daß dieses Mädchen durch einen regnerischen, unfreundlichen verblühten Spätherbsttag spaziert. Sie drängt sich, hastig in ihrem eigenen braunen Haar vorwärtsschwimmend, durch eine Menschenschar, die indes der Zeit fester Griff doch von diesem Ort trennte. Niemand wollte wirklich zu diesem Aussichtspunkt über die durchvölkerte Leere einer touristenverlassenen Kleinstadt am falschen Ende der Welt, zumindest nicht an solch trüben Wohnzimmertagen. Sie aber ging unbeirrt, ihre Schritte stotterten den altbekannten Weg gewohnt holprig hinaus. Um sich herum klärte sich der alte Wald, den sie selbstvergessen durchquerte, nun kurz zu dunkelgrüner Wiese, gleichsam ungekämmt, während sie sich an warme Tage erinnerte, als sie beide auf einem Handtuch hier gelegen hatten, sein ewig schmutziges Auto noch warm von der offenen Anfahrt; als seine Hände sich unbeeindruckt auf ihrem Körper verirrten und Zärtlichkeit seine zielbewußte Lust unbeholfen verhüllte. Sie hatte einen Badeanzug getragen, aus dessen zweiter Haut er ihre weichen Brüste zu pellen suchte, charmant und geschickt, wenn auch allzu unablässig. Solche Nachmittage hatte sie so lange geliebt, wie diese Hülle nicht brach. Sie brach allerdings immer irgendwann, meist sogar eher früher als später. Jetzt, da der Sommer längst vorbei war, diese oberflächliche Zeit, in der jeder und alles überleben kann, lag alles offen vor ihr, doch damals hatte sie es nicht verstanden, und ganz bestimmt hätte sie es für eine Lüge gehalten, wenn man es ihr gesagt hätte. Oh-oh, man hatte es ihr eigentlich sehr oft gesagt...

Die Wiese und die Erinnerung liefen an ihr vorüber, und sogleich umarmte sie der Wald wieder in seinem Dunkel. Der kleine Pfad, dem sie folgte, wurde wieder schwächer, je weiter sie von dieser Lichtung, auf der noch die Leichen einst blühender Blumen ragten, wegzog. Nichtsdestoweniger wußte sie genau, wo sie hinwollte. Am Ende des Weges wartete das Ende des Berges: zerklüftete Felsen, die kopfüber hinabstürzten, dahinter ein graues Nichts aus Luft und Wolken, öd und leer. Der Kies am Boden schimmerte weiß in allen Sommern, doch jetzt reflektierte er düster den entnervten Himmel. Ein kleines Geländer versperrte schamhaft den Mutigen und allzu Mutlosen den Weg über den Pfad hinaus, der sich hier unmerklich verlor wie Eis im Wasser.

Als sie sich nun langsam aus dem Wald löste, das Geländer vorsichtig mißachtete, erkannte sie den puren Felsen am Abgrund wieder, einen alten Freund, einen altangestammten Thron, dem sich wieder Moos noch Schlingpflanzen angetraut hatten. Bald saß sie einfach da, ihre undurchdringbaren Augen weit über das Himmelsmeer gerichtet. Zerstückelte Melodiefetzen drehten ihr weiches Gesicht noch weiter geradeaus, und gefangen von irgend etwas auf der anderen Seite der Wolken hob sich ihre Blässe bizarr aus dem Dunkel und Schwarz um sie herum ab wie ihr Blick aus dem Alltag. Noch immer verbargen sich ihre kalten Hände in den Pulloverärmeln, sie entkamen ihrem Verlies nicht einmal, als schwere Tränen ihre Wangen bemalten, langsam, gerade so, als ob sie es genossen.

"Wo ist er?"

Die Worte standen verwundert in der kalten Luft, und als sie vom rauhen Wind fortgerafft wurden, malten sie kurz sein Bild in entfernte Wolkenberge, für andere wohl nichtig wie Bilder von Kranken. Sie aber lächelte wehmütig, bevor ihr müdes Gesicht den aussichtslosen Kampf gegen das Reale verlor. Fast hob sie ihre Hand zum Gruß, doch schnell verwischte ihre zerlebte Vernunft den schüchternen Augenblick, der dem nächsten gleich einem getretenen Hund winselnd Platz machte. In einer Bewegung wie jemand, der, aus leichtem Schlummer aufgeschreckt, seine trüben Augen nach Bekanntem suchen läßt, wandte sie ihr Gesicht nun auf die Stadt unter ihr.

Grau, nur unterbrochen von roten Ampellichtern. Rauch aus quellenden Abwasserschächten, Nebel über den Pfützen postmoderner Nebengassen, wo alles, was vom verdeckten Mondschein geblieben ist, mit dem Nachglühen der letzten Zigarette in der Gosse ertrinkt. Vom Dunst geschwächte Straßenlaternen, fast schon grünlich, angefressene Leuchtreklamen in den Farben der vorletzten Jahre, ewig verglimmend: der Asphalt wie ein Bypass am Puls der Zeit. Die Parks verrammelt, die Quellen versiegt, der Fluß vergiftet. Darüber die Brücke, auf der sie gestanden hatten in anderen Tagen, SIE und ER, als sie WIR waren, nicht weit von der alte Schule mit ihren bücherquellenden Wortwänden. Jetzt gibt es dort nur noch einen ausgemergelten Ikarus ohne Flügel, ohne mahnenden Vater, der den Himmel nicht findet und deshalb nach unten gleiten will, doch das ist selbst für ihre scharfen Augen zu klein und zu weit weg. Hochmutierte Wolkenkratzer grinsen sie an, falsch und arrogant, so daß sie den Sterblichen die Sprache immer mehr entreißen, ihr lange zuvor begonnenes Werk. Die Welt tickt nicht mehr, der Fluß springt über die Berge und Lachse wandern in der Bristolstraße, wie damals, spät, spät am Abend. Und im Schatten hustet die Zeit im Sterben, damit sie für immer lebt, während alle in trüber Ewigkeit ertrinken und klebrige Spinnweben des Alltagssterbens gefangen halten, was jung und grün die Kraft einst besaß, doch nun nicht mehr weiß, wozu.

Sie wendet sich ab, die Wolken flüstern leise. Ruft den Wind, denn es ist nicht mehr weit. Der einzig klare Gedanke, der bleibt, beginnt einen Weg, der mitten ins Meer führt, das der dunkle Himmel ausgießt in ihre Augen. Die Wolken teilen sich wie Engel, die in funkelnder Eleganz ihre Reihen öffnen. Schemen tanzen mild, bald in die Himmelssee eintauchend, bald emporspringend, Delphine im gleißenden Licht, das nicht mehr ist in diesen Tagen. Stille läuft geschwind und verzaubert mit ihrer sanften Hand die weiten Lande, deren Kniefall jetzt der kleinen Elfentochter gilt, die selbstvergessen und verlassen von Erinnerung und Ahnung mit geschlossener Schulter den Schlummer der Zeit auf ihr Herz zu senken sucht. Indes, niemand herrscht über wissende Tränen, die Propheten des verlorenen Einst, in denen sich auch nun spiegelt, was nur Idee sein kann, da niemals ein Gott oder wer auch immer die Erlaubnis gab, daß sich verkörpere, was zu alt und zu oft gesehen, doch niemals bemerkt.

Ihre Hände umgreifen den Stoff jetzt fester. Der Weg winkt offen, doch sie kann noch nicht mehr wissen, wo er beginnt und wie sie ihn findet. Alles, was sie weiß, ist, was sie hofft und doch nicht will. In ihrem Kopf passiert sie die letzte Ausfahrt zur Oberfläche, und die Verlorene Straße liegt verschwommen vor ihr. Der Weg ist niemals das Ziel gewesen, auch wenn er nicht endet. Sag "Freund" und tritt ein, erinnert sie sich. Die Stille wächst zum Schrei, als sie vorwärts zu stürzen beginnt, schneller als ein Komet, ebenso kalt brennend. Die Verlorene Straße hat sie aufgenommen, zu spät verrinnt der Sand aus der Uhr, die sie zum Aufwachen zwingen soll aus diesem Traum, der ihren Körper und ihr Bett und ihren Freund der Seele beraubt, die sie fest umklammert bei sich glaubten. Die Nacht dehnt sich zeitlos, die Königin verläßt den Thron.

 

 

*

 

 

"Ich bin nur ein kleiner dummer Junge", sagte er lange vorher einmal, gefragt, was er von Liebe und Freundschaft halte. Sie schaute ihn verwirrt an, setzte sich auf und schwieg. Sehr sympathisch - ein Monolog.

"Aber die Leute, mit denen du sonst so zusammen bist, sind doch nichts als armselige, als Männer verkleidete Pubertierende, die vor lauter geistigem Nichts ihre Denkhöhle als Laufsteg gebrauchen in Ermangelung einer besseren Idee, sich hinter ihrem dümmlichen Gelaber verstecken, das Wetter und Levi´s als Götter des Smalltalks preisen und eigentlich doch nur aufs Ficken aus sind. Und du bist allzu oft ihr Werkzeug, du bist nichts mehr für die meisten dort als diese feuchte Öffnung, die supergut um ihren Schwanz paßt. Ein sozialisierter Ex-Cowboy, der dich mit einem fragwürdigen Triumph an seinem Eß-, Saug-, Leck-, und Kußorgan zu demütigen sucht, weil sein Sperma regelmäßig in dich fließen soll, der als Macbeth der hehren Gefühle blutig durch dein Ego wütet und sich rauspflückt, was in seinem bunten Garten als Saat für eine noch gewaltigere Erektion gedeihen könnte. Sogenannte Akademiker, die zynisch fleddern, was sie auf einer Fete mitten auf der Tanzfläche als Leiche vorgeworfen bekommen haben, ohne Rücksicht auf anderer Leute Verluste, Gefühle totdozierend in einem manisch-religiösen Witzigkeitsritual. Freundinnen, die ficken gehen und dich stehen lassen. Freunde, die genervt sind, wenn du sie bittest, für dich und nicht nur für sich selbst und SICH da zu sein, die deine Tränen langweilen, die dein Herz fröhlich lächelnd brechen sehen und sich schließlich wieder lieber ihrem neuen Outfit und Bier zuwenden. Gefallene, die niemals Engel waren, Zombies, die nie gelebt haben, Kindische, die nie Kinder waren. Man investiert immer sehr viel in Leute, die Freunde scheinen, die aber über das, was du wirklich bist, lachen und sich abwenden, wenn du es zeigst..."

"Du hältst also nicht sehr viel von Zwischenmenschlichem, oder?"

Sie hatte mich jäh unterbrochen. Das geht aber wohl als Notwehr durch.

"Ich denke, das wollte ich sagen, ja. Zumindest nicht so, wie es anscheinend heutzutage üblich ist. Ich meine,..."

"Bitte nicht noch ein soziokulturell wichtiger Vortrag, ja?!"

Ich muß ziemlich verdutzt dreingeschaut haben, denn sie zuckte merklich zusammen und verzog das Gesicht zu einer entschuldigenden, das kommende Gewitter antizipierenden Grimasse. Als ich sie ein paar Sekunden so dasitzen sah, überkam mich ein Erdrutsch von einem Lachen, und ich mußte zugeben, daß sie recht hatte. Ich stürzte mich auf sie und kitzelte all die Stellen, von denen ich wußte, daß sie besonders empfindlich waren. Schnell verwandelte sich ihr Lachen in empörte Schreie, als ich ihre Seiten mit unglaublicher Hartnäckigkeit in gespielter Entrüstung malträtierte. Sie kam gar nicht dazu, sich zu wehren. Nach einiger Zeit dachte ich, sie hätte genug und lies von ihr ab. Sofort startete sie den Gegenangriff, aber ich kann - nicht ohne gewissen typisch männlichen Stolz - sagen, daß ich sie schnell wieder im Griff hatte.

"Kauf dich frei", sagte ich.

"Wie denn?"

"Na, Naturalien kommen immer gut an..."

"Ich hab jetzt gerade keine Äpfel da."

"Och... naja, also..."

"DU ARSCH!!!" Sie versuchte verzweifelt zu schmollen.

"So kommst du hier nie raus"

"Das ist ja Gewalt!"

Ich beugte mich weiter vor und schloß die Augen... Sie tat, als wäre sie ein Opfer in einem Horrorfilm und stieß einen - zum Glück leisen - schrillen Schrei aus, bevor meine Lippen ihre versiegelten. Ich ließ sie los, und sie erwiderte meinen Kuß zärtlicher als ich es je wieder spüren sollte. Ihre Lippen waren warm und von diesem sprichwörtlichen Samt, das mich immer wieder durcheinander gebracht hatte. Ein Windhauch von ihren Fingern streichelte sanft über meinen Nacken, hielt meinen Kopf wohlig gefangen zu ihrem Kuß. Ihre andere Hand berührte sehr vorsichtig mein Gesicht in angedeuteten Bewegungen, bald real, bald nur erahnt. Ihre Augen hatten wieder die Tiefe, in die ich mich verliebt hatte: Ich konnte mein Glück kaum fassen. Hastig und unbeholfen näherte sich meine Rechte ihrer Stirn, viel zu hart stieß mein klumpiger Finger an ihre Elfenhaut. Sie schien es nicht zu bemerken, im Gegenteil entschlüpfte der Schatten eines unbekanntes Wortes ihren Lippen, die sie in leichter Verschämtheit oder Erregung jetzt sanft mit ihrer Zunge befeuchtete. Ihre Wangen leuchteten wie von Kerzen beschienen. Meine Hand verirrte sich in ihr langes Haar, so daß sie ihren Kopf in meine Hand gab und leicht dagegen drückte. Inzwischen waren wir eng verschlungen, unsere spärliche Nachtbekleidung verrutschte immer mehr. Ich hätte wohl sehen können, wie schön sie war, aber ich konnte und wollte meine Augen einfach nicht öffnen, um nicht, einem Blinden gleich, den unbedingten Sinn dafür, wie sie sich anfühlte und wie sie roch, zu verlieren. Mein Atem wurde mit ihrem schneller, und ich glaube nicht, daß ich mehr erzählen muß oder möchte.

Genug, ihren Traum zu kennen und zu wissen, daß sie tot sind.

 

 

*

 

 

Dort webte sie bei Tag und Nacht ein magisches Netz, farbenfroh. Charlotte heißt sie, Lady Charlotte, und sie ist Britin, jaja, Alfreds Frau, alter Adel aus dem 19. Jahrhundert. Charlotte ist tot, letzte Nacht hat man sie im Fluß gefunden, nackt, und, was das Seltsamste von allem war, um Jahre gealtert - sie war ja eigentlich nicht mal 30, aber ihr Haar war grau und weiß, und ihre Haut war runzlig und doch gespannt: Gerade so, als sei sie herausgewachsen. Sage ich zu anders, alter Grieche? Blühen die Aubepines an meinen Pforten zu Himmeln in scharlachroten A´s? Sie schwamm in träger Hand eines zufälligen Flusses, in den sie übrigens zweimal gestiegen ist in ihrem ganzen Leben. Am Abend hat man ein altes Lied gehört, traurig, heilig, laut und leise gesungen, und es sieht alles ganz nach Selbstmord aus. Sie hat all ihre Spiegel zerbrochen, von einer Seite zur anderen, und sie hat ihre vier grauen Wände in vier graue Türme aus Schutt niedergerissen. Keiner weiß, wieso. Und Sie tun so, als sei gar nichts geschehen. Mein Gott, Walt, hören Sie auf, im Gras nach Blättern zu suchen, sagen Sie doch mal was!

Ich dachte, sie hieß nach einem englischen Lied?! Ich dachte, sie sei zu viel älter gewesen!? Ich dachte, sie hieß doppelt, und ich dachte, sie sei gerade erst in diese Geschichte gekommen? Und schon ist sie tot?

Nun, wenn sie noch lebt, dann aber entweder in einem anderen Leben oder im Leben eines anderen, man weiß es nicht so genau. Und sie war sowieso viel zu lang bedacht, so jung sie auch geblieben ist, um unser Leben interessant zu finden. Sie war zu lebendig, und alles wäre zu heil gewesen für unsere tränenden Abende, wenn ihr Leben nicht woanders sein müßte.

Also nur ein Zwischenspiel, wo man SICH kurz duldete?

Ich fürchte. Sie weiß zuviel für ihn, und er ist zu kind für ihre intelligente Eleganz. Unter Schmerzen traf er sie, und nun zieht ihr Ring sie westwärts, sie ewig zu binden in einem engen Land einer alten Königin. Aber sie hat ihm blaue Hoffnung in die Augen gesät.

Es ist eine Tragödie, Mr Anderson, oder wie sie diesmal heißen, und sie dürfte eigentlich nur in Wien spielen, vor dem Sonnenaufgang. Werden sie sich wiedersehen?

Vielleicht, Mr. Conroy, vielleicht. Aber niemals mit denselben Augen. Er hat zu viel von ihr sehen dürfen, um die Augen wieder so unstaunend zuzublinzeln. Nun, sie kann niemals zu ihm gehören, man verbietet es, so sehr er es auch wünscht, er will es nicht, und jeder sieht, daß es nicht gehen sollen darf.

Es ist nicht fair, SICH so gehen zu lassen.

Das ist allzu wahr, Geoffrey, doch du weißt ja, was der April so alles tun kann. Tote Grausamkeit in einer schwärzenden Nußschale.

Jaja, Eliot, aber er kann auch all die harte Trockenheit aus den dörr geeisten Kehlen des kriegerischsten aller zwölf Zeitenbrüder scheuchen, hält man es mit dem Pathos. Der Wille zum Wissen ist der Wille zum Gähnen.

Ach was, Tristan, gehen wir zu den Bildern. Er kommt sowieso nicht mehr.

Wer? Wer kommt nicht mehr?

Na, Kairos. Wir warten auf Kairos. Wie kannst du das vergessen haben, Kleines, wo wir doch schon so lange auf ihn warten. Unser ganzes Leben lang.

 

 

*

 

 

Ich der schreibe schrieb und kalt und zuende Kopf wie Teer in Eis ohne na und? Block durch Stahl ohne hart kein Griff nicht nach nicht vor Wörterworte fliehen weg und letzte Dinge ohne fest keine Seelen leerleerleer aus tausend und farblosgrün gegen den Himmel nicht denke und zwei ist immer drei wenn ohne eins Horizontgrinsen im aber Maske dicht in nicht.

Irgendwort als größer nein und zer und fließt Nanananacht mit Kreis in nicht denke ohne auch Weiß und weiß und nicht in Erde an April nicht wahr und rede ohne dort ist hier eherwärts Zeit und gegen zwei nun in wohin ohne ja vielleicht nein läuft zu humpelt.

Uhr in null und ohne ha! wer in wo rücklings in nein um über herum Mitte außen du Treffen in Leitung gedreht gleich binär aus Fühl ver Ge liert in kein mehr übrig und grenzt Wochen nurkurz und nichtlang in ohne und frei nicht grenzt nicht eins gegen zwei ist 42 zu glutdunkelrot und wieder und neu und nicht grenzt und außer du.

Geht Schritt nach irgend nicht du ist nicht ich in oh-oh weicht Wind in schlingert aber nicht denke weit in nach zurück du neinnein denke und hier und wohin jetzt und was und Leben liegt aber nicht aber ohne.

Weit geschlossen hellschwarz bei grau auf düster Wassertropf in fieberlang zu ohne ja Wörterwort flog weg dicht in nicht hinter Bergblutsamt in durch Zeit stockt in ohne und Leben und nicht und kein was wohin wer Ticktockohr in lang oh länger und noch und zieht dehnen grob in klein außer mir und Teer ge Kopf in Eis platzt in hier ohne na und?.

Wunsch bei Neinnochnicht vielleicht wie nicht kein und zwei noch immer drei wenn nicht und auch oder eins A-a-angst in Hand zuck und schneller schneller pocht klopft Blut bleicht ohne auch tick wartewartewarte tock ohne Zeit still außer ohne kein Atem Ich ohne ist Ich nicht.

 

 

*

 

 

Ein Universum springt empor in schwirrendem Feuerwerk, goldener Regen mischt sich in zischende Lichter, funkelnd im gleißenden Dunkel, versteckt in sich selbst und gehüllt in Reflexionen von seinen Geschwistern. Die Nacht erstrahlt in sich selbst, so bunt ist ihr plötzlich, als huschende Glitzerkaskaden ihr warmes Wasser in den Himmel gießen, als an immer unerwarteteren Momenten des Nachtschattens das wohlige Licht durchfreudet, die Wolken durchsticht, den Mond umschwärmt, bald hier, bald dort seine Spuren aus Silber in den lächelnden Äther malend. Staunende Engel entblättern ihre Flügel; wie Herbstlaub schimmern die erdenen Farben auf ihren Federn, die Ikarus vergessen lassen für diese sprießenden Sekunden aus tiefem Atem. Fröhliche Lichtfiguren vertrauen sich in das Dunkelblau, als sie vom Himmel entgleiten, lachend zerplatzend im Rhythmus eines schnell, schnell pochenden Herzens. Exaltierte Sinfonien, gemalt aus endlosen Arien, vermischen die Künste zu Magie, in kein Gedicht gemalt, in keiner Form gefangen, von keiner Hand gebändigt, endlich frei.

Und kurze Sekunden feiern immer noch ein zu spätes Wiedersehen, als sich das rustikale Restaurant um sie herum seiner Rechte bedient, sie von ihm und ihn von allem zerrt, zurück in ihren Kopf, zerrüttet von seinem schweren Herzen, verflogen, als sich seine Lippen von ihrer weichen Wange lösen, die sie nie hätten berühren dürfen, doch nie hätten loslassen dürfen.

"Das gute ist, daß dein Kopf doch nur aufgesetzt ist", sagt er, dreht sich herum und verschwindet wieder mal aus ihrem Leben. Sie sieht nicht, wie Solitude in seine Augen steigt und versteht. Er weiß nicht, daß sein Brief immer noch in ihrem Nachttisch einen Moment des Mutes ersehnt, unsichtbar und unübersehbar. Manche sehen bis ans andere Ufer des Meeres. Wir nicht. Wir dürfen nicht mehr.

 

 

*

 

 

Die Wellen kommen jetzt langsamer, und das Wasser wächst nicht mehr weiter. Seine Augen sind endlich geschlossen; alle Farben scheinen in diesem Moment von ihm geflohen zu sein wie die letzten Herbstblätter im Wind. Vereinzelt fliegen Möwen über ihn, und ihre Schreie treffen ihn allzu hart. Er steht auf, unsicher, ob er seinen Beinen noch trauen kann. Unbeholfen tritt er auf die kleine, verschmutzte Spritze neben ihm und stolpert fast. Seine Augen öffnen sich zu ihrem alten Blau, tief innen spiegelt sich das Meer. Sein Blick schweift weit über das Wasser, wo die Wellen ihm freundlich entgegen laufen. Der Wind fährt kalt in seinen Mantel, den er jetzt erst bis zum Hals zuknöpft. Die Arme vor der Brust verschränkt steht er reglos da, schüchtern tanzt sein Mantelrock im eisigen Rhythmus des Wintersturmes. Als er sein Gesicht fühlt, kommt es ihm merkwürdig eingefallen vor, und hätte er einen Spiegel, würde er sehen, daß sein Haar dunkelgrau gewachsen ist. In der Ferne hinter ihm erhebt sich ein dunkler Turm in einem Sumpf aus vertrockneten Rosen, auf einem Hügel fast außer Sicht. Den Blick stur nach vorne gerichtet, interessiert er ihn nicht mehr als die nahe Zukunft. Der Wind treibt ihm eine Träne aus seinen Augen wie jemandem, der zu schnell durch die Nacht fällt, wenn der Sommer, von den ersten Nebeln schwer verwundet, mit den schnell gealterten Blättern erst blutig bunt, dann grau und trocken, wie alle Kehlen zu jener Zeit, zu Boden stürzt und zerbirst. Die paar Wesen, die dann noch verharren und an unseren Gräbern die Schaufeln verweigern, starren zumeist von noch nicht vernarbten Wunden. Ihr Gesicht spiegelt ihr Wesen, grau auf den ersten Blick, müde und verängstigt beunruhigen sie das verkaufte Gemüt, zerrissen ihr Hemd, zerrissen ihr Herz. Ihr Blick erzählt eine alte Geschichte, die er kennt, aber nie hören wollte, und gebeugt verdeckt ein langer Mantel die Zeichen schlimmerer Tage. Längst sprechen sie nur noch, weil sie vergessen haben, wie man redet, zurückgelassen von den schnellen, bunten Emotionsökonomisten und vergessen von allen nanosekundenspaltenden Kommunikationsreaktoren, die inhaltsleer in neonfarbenen Informationsgewittern blitzen, den nicht-argumentativen Supergau zum Alltag gemacht: Sie sprechen auf ihn ein, nicht mit ihm, noch nicht mal das.

In einer anderen Welt zückt eine gackernde Partygesellschaft einen Camcorder (Du siehst ein pinkfarbenes Licht blinken - ER LAEUFT! LET THE CATS WALK!), und man dringt in die letzten Räume einer kleinen Hütte vor, Panopticon fatale, live und in Farbe. "Die Hütte des Vergessenen Spiels", flüstert das verwitterte Schild an der Pforte, "Eintritt nicht für jedermann". Ein wilder Tritt von rohem Industrielachen zerbricht allerdings sofort die alten Girlanden aus Vergißmeinnicht und Gänseblümchen, die den Eingang bewachen wollen. Man schmettert die Tür nach innen auf, dumpf fällt sie bis gegen die Wand, hinterläßt eine tiefe Kerbe, aus der nun Harz sickert. Allzu gierig schiebt einer das kamerabewaffnete Gesicht vor, während die anderen ungeduldig die Hälse recken; erst, als ein messerscharfer Scheinwerferstrahl ins sterbende Dunkel eindringt, zerschneidet Hysterie den Samt der chagallblauen Stille, schamhaft steht das nackte Zimmer den Blicken offen: dunkel sind die Wände, schwarzes Parkett wird vereinzelt noch von verfärbten Bettüchern umarmt. Eine glutdunkelrote Kerze spendet genug Licht für dunkle Augen, sicherlich jedoch nicht für all die Jedermanns im Raum, die dieses Licht geradezu zu verschlucken scheinen. Ein Bild an der Wand malt eine verlassene Bahnhofsuhr, die Zeiger zum V in die Höhe gestreckt und von grinsendem Rund, reckende Arme ziehen Passagiere hinter sich aus einem fahrenden Zug auf Wettergleisen, gedrängt hängen die Köpfe alternder Rosen in der Hand des vergeblich Wartenden im Mondschatten. Und schließlich steht in einer zurückgezogenen Ecke vertrocknet eine schwarze Rose in einer einst mit Seelentränen gefüllten Vase, doch auch diese sind längst verzehrt; einzig die schwarzweiße Harlekinsmaske hält die Totenwache über die am Boden kauernde Gestalt, aller Kleider nun beraubt, nackt und Opfer der vielen vorgestreckten Zeigefinger, vergewaltigt von video8 und Blitzlichtgewitter. Seinen Namen fragt man, seine Geburtsurkunde will man sehen, seine Sozialversicherungsnummer wird verlangt. Inzwischen hat natürlich einer der schwellenden Menge die Vase umgestoßen, erschreckend laut zerbricht sie auf dem sich von Schuhdreck erhellenden Fußboden. Jemand öffnet ein Fenster, und als draußen Nacht herrscht, wird die Sonne eingeklagt. Das Wesen auf dem Boden habe menschliche Züge, beschließt man, aber es passe in keine Kategorie so richtig. Er blinzelt, immer noch an seine Höhle gewöhnt, in der sich Platons Gleichnis als blanker Hohn erwiesen hatte; nicht außerhalb, sondern innerhalb, und nicht die Sonne. Man entreißt ihn dem Boden und richtet ihn auf, betrachtet seinen Körper mit wissenschaftlicher Genauigkeit, die Genitalien vielleicht sogar besonders. Er sei nun wirklich ein Freak, sagt man. Da öffnet sich sein Mund, und nach einem Schrei, der zu laut war, als das jemand ihn gehört hätte, versteht man zum ersten und einzigen mal ein Wort, das er sagt: "Sie", scheint sein Mund zu formen, seine Augen suchend in den Raum gleitend: "Wo ist sie?"

Er durchdringt die schauenden, blinden Herzen mit dem Saphir in seinen Augen, und sie spüren seinen reinen Atem in ihren Einzelzellen, widerhallend von seinen vollen Worten. Langsam dreht er seine stolpernden Füße um sich selbst, umzingelt in beachteter Mitte, verfolgt von Mitgefühl und geborgen in Unerbittlichkeit. Seine Arme öffnen durchbohrte Handflächen auf sie zu, als von allen Seiten die Hähne den Morgen verkrähen. Als man das Interesse verloren hatte, ging man und ließ Tür und Fenster offen.

Er ist zurück. Gedankengameover. Sein Blick füllt sich wieder mit Gegenwart und Eidola, als er ungeduldig bei dieser einen Frage hängenbleibt, die er doch so ungern zugeben kann.

"Wo ist sie?"

 

 

*

 

 

 

Es war wieder einmal Nacht, schwarze Punkte tanzten vor den müden Augen derer, die noch wachten und grübelten, da Wolken den Himmel ganz und gar auffüllten. Ein feuchter Nebel erhob sich von der Heide auf der anderen Seite der Berge, wo das Gras wirklich grüner ist. Zärtlich legt frischer Tau seinen kühlen Griff um die im flauen Wind sanft wiegenden Gräser und Blätter, nachgerade sie von Tag zu Tag in neuer Unschuld zu waschen. Einsame Wanderer hätten vielleicht berichtet, daß warme Schatten auf der Wiese getanzt haben, aber keiner wagte sich in jenen Tagen soweit in das vergessene Reich vor. Der Winter war kalt und bitter gewesen, er hatte selbst Elfen bis auf ihre bunten Knochen frieren lassen. Auch jetzt stand Solitude eng in ihre Nebelgewänder gehüllt und schauderte, sanft gewiegt von Winden, die keine Gnade üben durften. Ihr weiter Blick jedoch bedeutete ihnen Vergebung. Niemand war zu sehen, den diese zerreisten Augen aus dem Harlekinsgesicht heraus hätten fixieren können, und doch schien ihre Aufmerksamkeit gefangen, weit weg in einer anderen Welt finsterem Verlies. Die Farben wechselten in den weichen Konturen ihres Gesichts, Schwarz war Weiß, Weiß floh den ungleichen Bruder an anderer Stelle. Ein kurzes Lächeln entrückte die bittere Tragik ihres verkehrten Lebens kurz in süßes Erinnern, doch der Moment verschwand schneller, als er gekommen war. Wenn er bleiben könnte, dachte sie. Wenn ich nur erinnern könnte, was ich war, was mir blieb. Und obwohl die Zukunft ihrem unausweichlichen Blick offenstand, war sie blind, denn sie verstand niemals den Grund und Zweck der kommenden Ereignisse, da sie niemals eingedenk der großen Taten ihrer vergessenen Tage, die sie schon und doch noch nicht gelebt hatte, sein durfte.

Das Leben geht nach.

Solitude zerrte ihre Beine nun vom gastlichen Boden und schritt durch die Heidebüsche. Drei alte Frauen kamen vorbei, weiße Haare im Wind wehend, wiederholten ihren ersten Auftritt und verschwanden dorthin, von wo Geister an des Mörders Tafel treten. Solitude war oft schon dort gewesen, blind nun für dieser Ereignisse schwere Schwüle. Lang und müde schleppte sich ihr Schritt, quer durch struppige Hecken, die sie nicht berühren konnten, eine Silhouette, während sie den bleichen Mond langsam nach Osten ziehen sah. An einer alten Hütte hielt sie an. Die Tür war zerbrochen, aus den Fenstern strömte die zerlaufende Wärme nach draußen wie dickes Blut. Sie wußte, was jetzt kommen würde. Tief verzerrt in ihrem Gesicht betrat sie, was einer aufgebrochenen Auster glich. Ein Mann kniete ruhig am Boden, die Hände auf die Knie gelegt, neben ihm eine tropfende Nadel. Die Augen fest verschlossen, den Blick aber in die Ferne gerichtet, saß er in der Dunkelheit, die seinen Gesichten Raum verlieh und atmete verirrte Salzluft.

"Wie nennt man dich?" flüsterte Solitude vorsichtig.

"...dich..." Wie aus anderen Welten in sanftem Echo, satellitenverzögert.

"Wer bist du?"

"...du..."

Solitude berührt seine nackte Schulter, auf seltsame Weise unwissend, daß er keine Kleidung trägt. Ein kalter Hauch muß ihn durchfahren haben, denn die spärlichen verbliebenen Haare an seinem Körper richten sich in stetem Gehorsam zu den Reflexen des Fleisches in die Höhe. Sie setzt sich langsam zu ihm, jede Bewegung vorausdeutend, um ihn nicht zu erschrecken. Nun erst bemerkt sie die unglaubliche Verwüstung im Raum. Eine zerbrochene Vase kann die ihr anvertraute schwarze Rose nicht mehr schützen. Vertrocknet liegt sie da wie ein Leichengruß vom letzten Jahr. An der Wand gähnt eine leere Stelle in Größe eines Gesichtes, die, von hellerer Farbe als der Rest, da weniger verblaßt vom Sonnendunkel, eine klaffende Lücke anmahnt. Eine Kerze von warmem Rot brennt ganz unten; sie wirft ihr flackerndes Licht nicht weit genug, um zu leben. In einer Ecke liegt ein versiegelter Briefumschlag aus Recyclingpapier, das Wachs noch duftend frisch, aber verstaubt. Sie erhebt sich zurückhaltend, fragend und fließt auf ihn zu. Er reagiert nicht. Solitude bückt sich, nimmt den Umschlag vorsichtig zwischen zwei Finger und verharrt. Er nickt kurz, verweigert dann aber wieder Lebenszeichen.

"An SIE", steht auf dem Umschlag, und darunter: "Von SICH".

"Wer ist sie?" fragt sie leise.

"...sie..."

Sie dreht den Umschlag, liest: "Du weißt, wo SIE ist"

"Ich werde die Nachricht überbringen, sollte ich sie finden."

"...finden..."

Sein schlankes Gesicht erhängte sich traurig in weiße Farbe, als sie ihren Rücken von ihm weg drehte und ihn ansah, die bleiche Epidemie mit der Wucht aus 22 Jahren brach endlich aus, zu schnell für letzte Irrtümer. Schwarze Linien stiegen von seinen Augen auf, senkten sich auch über die Wangen hinweg, wuchsen drittens in die Breite. Sein Mund verlängerte sich zu schwarzen hageren Lippen, zu jenem venezianischen Lächeln, das niemals eins war.

Wieder: "Wer bist du?"

"...du..."

Vielleicht wußte Solitude einfach nicht die richtige Frage zu stellen.

 

 

*

 

 

An manchen Tagen ist es, als würden meine Worte einfach zu Boden fallen und vergessen werden. Ängstlich liegen sie dann reglos da, verfangen in diesen klebrigen Spinnweben, die die Stille ihnen anlegt, sie wagen kaum, Euch anzusehen, wie Ihr ragend über sie hinweg schreitet, verzerrt durch die kranke Perspektive, vom Schöpfer unbeabsichtigt und ungedacht. Schuhe schlürfen und krachen so laut an ihnen vorbei, daß sie es nicht einmal mehr hören können. Könnten meine Worte überhaupt etwas hören? Ich kann es kaum wissen, haben sie doch noch niemals auf etwas reagiert, was ich zu ihnen sagen wollte.

Mit panischen Augen, weit aufgerissen, unbarmherzig lidlos, starren sie in sich auf den letzten Moment, in dem Eure plumpen Füße sie nicht mehr verschonen, in denen sie zertrümmert werden. Zu Zeiten geschieht dies völlig arglos, ein Mißgeschick nur, und man bückt sich, um den Schaden zu beheben, setzt das unverstandene Skelett wieder zusammen. Oft komme ich dann wieder an ihnen vorbei, harre an den lebenden Leichen, erkenne sie nicht, obwohl ich doch vertrautes Schweigen erhasche, wie es sich in mich schleicht. Andere Leute bleiben stehen, lachend oder kopfschüttelnd, meist aber nur traurig, mitleidig.

Wenn ich nun erkenne, daß ich es war, der diese verwaisten Kreaturen zurückgelassen hat, wenn ich mich nun bücke, um sie wieder aufzuheben, scheltet Ihr mich einen Eloquenten für mein unverschuldetes Stottern, einen Maler für die zerrissene Leinwand, einen Bildhauer für die verwitterte Statue. Und ich verstehe nicht, zu wem Ihr sprecht, da ich es nicht war, der in diesem Durcheinander gefehlt hat zu Eurem applaudierenden Vergnügen.

Heute ist so ein Tag. Die Sonne ist aufgegangen wie immer, der Wind weht so nichtssagend wie zuvor, es ist weder besonders heiß noch besonders kalt. Niemand trägt besondere Kleidung, es fällt keine Grenze, es sterben nicht mehr Zauberer als zuvor. Meine Worte sind zu Boden gefallen, und ich bin auf der Suche. Ach, wär´ mein Aug´ doch nicht sonnengleich! Aber Ihr, wenn Ihr heute noch ausgeht, egal, wohin, bitte achtet auf Euren Tritt! Zersplittert liege ich auf der schmutzigen Straße, und ich starre euch an, von unten, und ich habe Angst.  

     

 

*

 

 

Diesmal aber änderte der April nichts: Er war weder feucht gegen die heisere Trockenheit des März, noch grausam genug, um neue Triebe aus der Agonie einer besudelten Erde zu pressen. Nur ein neuer Monat, den Zweisamkeit, die vergessene Mehrzahl von Einsamkeit, zwischen einem Paar aufteilte, das schon lange keine Zukunft mehr roch, noch nicht einmal während verträumterer Zeit. In seinem Zimmer besetzen sie die Wände seit eherner Ewigkeit nach gleichem Ritus: Das Bett ist sein verdeckter Busch in ihrem Garten, sie gähnt auf ihrem Balkon, der zehn Minuten früher noch sein Schreibtisch war, und heimlich ruft ein selbstgezimmerter Christian, der seine Ehre dort verlor, wo Prinzessinnen ihre Unschuld an ihm mordeten, die heilenden Worte des stummen Dichters an ihr vorwurfszerkratztes Gesicht. Er wird sie gewinnen, doch das wissen alle außer ihr natürlich schon längst, weil der Dichter seine leise Stimme schon verbraucht hat, und das auch noch gegen sie, in viel zu lauten Dissonanzen und verrenkten Gewittern. Gestohlene Epen zerklirren die sanfte Abendbrise, locus amoenus und so, in anderen Welten verdreht man kopfschüttelnd die Augen, doch hier kümmert es niemanden. Der einstige Bräutigam sine spe rührt sich nicht, vertritt kein altverwurzeltes Recht auf sie, das es nie wirklich gab, oder? Jeder wählt jeden Tag neu, und fair ist im Auge des Betrachters. Die Weiden jedenfalls nicken dem rezitierenden Rufer irritiert zu, ein neues Gesicht in einem Kreislauf aus 2. Ein Teufelskreis wird durchbrochen, zumindest hört man es irgendwoher, niemand will es gesagt haben oder wissen, wer es gesagt hat, hat es überhaupt irgendwer gesagt, und was genau hat er gesagt, ist das wichtig? Verwirrt genug, um zu wissen, was sie will, ist sie steinig verzaubert, yeatssir! Leute nehmen ihre späten Abendessen in entstaubten Sitzreihen fremdländischer Restaurants ein, als eine geduckte Gestalt, tief in ihre Kälte gehüllt, um warme Berührung zu vermeiden, sich ohne einen Seufzer erhebt und fortgeht. Er wird nie wiederkommen, sagt er zu sich, und die Zeit krächzt sich wieder einmal in verschnupftes Lachen.

Sie hat ihn gesehen, während sie geschäftig tut auf ihrem Marmorbalkon, aus ihren weißen Augenrändern heraus hat sie ihn eigentlich die ganze Zeit lang gesehen. Jetzt erst wendet sie sich im aber noch einmal kurz zu und sitzt wieder vor dem Himmelsmeer am Ende des Berges, eine so ewige Melancholie lang, wie ein Herz zum Bersten braucht, bis das nächste Wort aus lautem Schall die Magie vertreibt und lineares Light-Leben, von schmutzigen Fingernägeln geradewegs aus dem Nichts oder aus einer Welt zurechtgesägt und fest verleimt, zwingt den Epheron auf der anderen Seite der Straße dazu, den längst verlorenen Hut zu ziehen vor so viel wohltemperierter Lebenserfahrung. Sie baden gerade ihre Hände drin, lacht er ohne Freude, ohne Häme, aber irgendwie in Klammern. Sie weiß, daß er sie vermissen wird, und er weiß es auch. Niemals mehr, hatte man sich schwer verwundet geeinigt, ohne daß er sich erinnern könnte, wann.

Jedenfalls blickt sie ihm auch jetzt noch nach, da er sich langsam umdreht und den Ocean Boulevard mit Fußsohlen und heimlichen Tränen berührt. Sein Mantel schleift widerwillig hinter ihm her, als die Schritte länger und kürzer werden. Sein fahles Gesicht verwandelt sich langsam mit dem bittersüßen Gift, das seine vergangenen Augen erblinden läßt mit jedem Tropfen; verbleicht werden ehemalige Farben geboren, und ein Gewand aus Narrenstoff bedeckt, was einst ein Mantel war. Aber das ist natürlich nicht wirklich geschehen; als er die Tränen trotzig wegwischt, ist es zumindest wieder verschwunden. Trotzdem ist er nicht mehr er, Epheron zerfällt, doch das Ende habe ich schon am Anfang zu erzählen begonnen.

Entzweit sitzen sich die beiden in seinem kleinen Zimmer gegenüber, und wie schon seit einiger Zeit ist es diese Geschichte, die ihre Ruhe nach dem Sturm erzählt, obwohl sie auch diesmal nicht wirklich hinhören, vor allem er nicht.

"Was denkst du?" wollen sie wissen.

"Nichts", antworten sie.

"Nichts?" fragen sie.

"Ja. Das heißt, nein." sagen sie.

"Harry, hol schon mal den Wagen", schießt es aus ihm raus, und sie krümmen sich vor Lachen. Die Situation ist gerettet, nein, übermalt in schillerndem Grün, etwas zu leuchtend für echte Farbe. Sie umarmen sich so zärtlich, wie sie es einmal füreinander waren.

"Es tut mir leid", lügt sie. Er verneint, winkt ab.

"Es war meine Schuld", denkt er nicht, aber sein Mund weiß, was sie von ihm will. Pavlov hebt wissend den linken Daumen in die Höhe, wo auch immer er begraben liegt, als sich der obligatorische Kuß an diese Worte fügt. Solitaire hingegen, die geraume Zeit in diesem Zimmer verbracht hat, still, aber nur in gewisser Hinsicht unbemerkt, wendet sich ab und fühlt sich verraten wie die Sterne über dem verborgenen See, bei denen das Bündnis begangen wurde, das nun gebrochen am sandigen Boden in der Wüstensonne schmilzt, weil es gehalten wurde wie alte tote Haut einer wachsenden Schlange. Solitaire sieht seine Gedanken fliegen, allerdings in die falsche Richtung.

"Epheron", flüstert sie, "rufe den Wind. Es ist nicht mehr weit."

Er hört, aber er antwortet nicht. Seine Augen bleiben an den Boden gefesselt, während sie ihm in dieser Nacht den Schlaf raubt, braunes Haar belagert seine Brust.

"Wo ist sie?" antwortet er schließlich viel später und blickt Solitaire geradewegs in die Augen.

"Wo ist sie nur hin?"

 

 

*

 

Er erhebt sich und gähnt. Sie schaut ihn an. Müde sind sie. Er geht ein paar Schritte durch den Raum, ein Wohnzimmer. Sie sitzt still und betrachtet das Fenster. Er stößt kurz auf, recht laut, und stemmt die Hände in die Hüften. Sie legt eine Hand auf ihr Knie, die rechte auf das rechte. Er hat die Hände schon mal an den Hüften: Er streckt sich also. Sie sitzt still und betrachtet den Schrank. Er steckt eine Hand in die Tasche, die rechte in die rechte. Sie kratzt sich an der Stirn, nur kurz, es bleibt eine rote Stelle. Er fährt mit der linken Hand über Lippen, denn sie kleben etwas. Sie sitzt still und betrachtet das Fenster. Er setzt sich und gähnt.

Hastduhungergehtsosollichwasmachenvielleichtspäterwarheuteeinkaufenhabfrischenkäsehastdulustichbineinfachnurmüdeundmiristlangweiligwegenmirweißnichtauchwegendirwashabichdenngemachtweißnichtirgendwieweißnichtechtnichtvielleichtmüssenwireinfachnochmalrausichdenkedubistmüdejastimmtweißauchnichtdasistallessoweißnichtkannichdennirgendwasmachenweißnicht

Er steht auf und kratzt sich am Hinterkopf, etwas links von der Mitte. Er benutzt dazu die linke Hand. Sie steht auf und geht zu ihm. Sie steht jetzt hinter seinem Rücken, denn er ist ja zur Wand gedreht. Er steht und fragt etwas. Sie senkt den Kopf und setzt sich wieder. Um zur Couch zu kommen, benötigt sie 3 Schritte. Er betrachtet die Wand. Sie betrachtet das Fenster. Er atmet hörbar aus. Nicht richtig laut, denn er tut es nicht aus Ärger, sondern weil er keine Luft kriegt. Sie schaut auf zu ihm. Er dreht sich um und steht still. Er würde jetzt gerne seine Ohren mit seinem Finger reinigen, tut es aber nicht. Sie denkt. Was habe ich falsch gemacht? Er plant den morgigen Tag. Nach dem Aufstehen Zähne putzen, dann Wieimmertee. Sie steht auf und betrachtet die Wand, die er zuvor betrachtet hat.

Er setzt sich. Das Fenster ist schmutzig. Das denkt er aber nur. Sie dreht ihm den Rücken zu. Er sieht nicht, wie sie mit einem Finger ein Stück Gemüse aus ihren Zahnzwischenräumen entfernt. Sie gähnt und dreht sich um. Er schaut sie aber nicht mehr an. Er wünscht sich jetzt Wieimmertee. Sie denkt. Was kann ich tun? Er plant den Tee. Der Wasserkocher ist schnell. Ich sollte vorher schon einen richtigen Beutel suchen. Er steht auf und geht zur Küche.

Sie betritt die Küche. Er stellt den Wasserkocher an. Sie fragt ihn, was los ist. Er verneint generell die Möglichkeit, daß. Sie versteckt die Hände in den Ärmeln ihres Pullovers. Schwarz, der Pullover, übrigens. Er verschränkt die Arme und atmet aus. Er gießt das brodelnde Wasser über einen Teebeutel in eine Tasse. Schwarzer Tee, Earl Grey. Der Wasserkocher ist jetzt leer. Ob sie auch einen will. Es sei eh kein Wasser mehr übrig. Oh, ja, das sei wahr. Sie verläßt die Küche.

Er betritt das Wohnzimmer, den Tee in der Hand, in der rechten. Sein Daumennagel ist schmutzig. Sie liegt auf der Couch. Eine Hand bedeckt ihre Stirn, teilweise auch ihre Augen. Sie sind braun. Er hat graue Augen.

Miristkaltdeckdichdochzuodernimmdirauchnenteeichweißnichtduweißtdochichmageigentlichagarkeinenteeachjastimmterinnerstdudichnochanfrüherwasmeinstduichmeinealswirnochfüreinanderdaseindurftenwiesofragstduweilichdasschönfandundjetztjetztistmirkaltdanndeckdichdochzuduverstehstnichtwasdennjetztduhastimmernochnichtverstandenwerichbin

 

 

*

 

 

Was mir wirklich Angst einjagt, ist diese leere Seite. Auf dem Schreibtisch, heute morgen, ein Umschlag, darin ein Blatt Papier, einfach weiß, nicht einmal liniert oder staubbedeckt, frisch wie fabrikneu, eben und flach, herbstlaubtrocken. Verschlafen blitzt die vergangene Nacht heimlich vor meinen verschwommenen Augen auf.

Im Traum mir träumte, daß ich schrieb von neuen, unverbrauchten Welten, von Regenbögen, glisternd Gold, von Drachen, Schwefel, Feuerhauch und einem Helden, tapfer, groß sein reines Herz und treu dem weisen König nur ergeben; und die Prinzessin, schöner als das Morgenlicht, sie wartet ihm in stiller Liebe in die Zeit entgegen. Und gleißend schimmert der silberne See in der lächelnden Sonne, wo die schweigenden Vögel, am Horizont nur, ihre Schwingen in die zarte Weite malen. 

Ich war aufgewacht und spürte, bevor ich sah, daß ich vergessen hatte, das Fenster zu schließen. Ich war über meinem Buch eingeschlafen, noch vollkommen angekleidet, und meine Erschöpfung war wohl größer gewesen als die Kälte des rauhen Nachtfrostes, dem die angenehm frische Abendbrise hatte weichen müssen. Ich stand auf, bibberndes Zittern, schloß endlich das Fenster und zauderte ins Bad. Meine Kehle brannte rauh, und mein Gesicht schien ganz dem Winter verfallen zu sein. Fahl sprach der Spiegel mir verwehendes Leben zu, und schmutziges Lila rahmte meine Augen schwach in Bedeutungslosigkeit: Ich erkannte mich hinter mir.

Warmes Wasser prasselt lebend auf mein Fleisch und läßt die Wärme wie Farben auf nassem Papier in mich ziehen: Schüchtern fühle ich mich atmen. Ruhig senke ich den Kopf und biete den sehnigen Nacken: Wasserwehen wie Kaminglut. Ich spüre jeden einzelnen Tropfen, wie er meine stillstehende Haut trifft, zerlaufender Lebenskuß, ahne, wie mein Herz sich in den schwebenden Rhythmus fügt unter seiner vorsichtigen Massage.

Eine leere Seite in einem Umschlag, nicht an ihn adressiert, auch an niemand, den er kennt, heute nacht muß ihn jemand ins Zimmer gelegt haben, das Fenster stand ja weit genug auf. Alles andere unverändert, minutiös gleich. Ein leeres Blatt in einem Umschlag. Jemand muß sich vertan haben, irgend jemand muß gedacht haben, hier wohne jemand anders. Vielleicht ein Freund der, war da nicht eine, Vormieterin, der lange nicht hier war? An SIE. Definitiv nicht an ihn. Natürlich trotzdem öffnen, ist ja seine Wohnung und nicht gerade offizielle Postzustellung, nicht gerade Post, also nicht gerade Postgeheimnis? Neugier, Interesse - diplomatischer. Sogar ein Absender, aber unleserlich, unentzifferbar für ihn. Eine leere Seite. Er setzt sich und schreibt.

Weiches Wasser wäscht mich wohlig in Vergessen, unsagbar lau. Rauschender Nebel macht mich im blinden Glas unsichtbar, ein Schemen nur noch für die unachtsame Welt. Wortlos wartend schwebe ich im duftenden Dunst seiner inneren Sphärenmusik, Nahrung den verdorrten Sinnen des gestrigen Tages.

Er schreibt den Nachttraum in den Tag, ohne falsche Scheu vor Sonnenlicht, er spinnt den zu Boden gesunkenen Faden aus der Welt der Schwestern, er füllt den Anfang in ein Ende. Verwundertes Blut tropft aus seiner hageren Nase, fahl graut sein Haar zu Nichts, die unterlaufenen Augen wild auf die Schrift gestarrt.

this old familiar craving i´ve been here before this way of behaving don't know what the hell i´m saving anymore Wasser auf mir auf mich in mich Wasser in mir über mich heißer Hauch hofft dich herbei, wo du auch immer wer bist und im Traum mir träumte und wann ist nicht mehr interessant jetzt nur noch Atem ein und langsam langsam rhythmisch ruhig leiseleiseleise aus

Schreiben soll er, einfach schreiben, was passiert, egal, schreib weiter, er, die welkenden Knochen über der schroffen Haut jetzt schürfend, eingefallene Augen in zu großen Höhlen, wo ist das Blut, wo ist der Atem, Feder kratzt, sein Lebenszeichen, dunkleres Schwarz jetzt schreibt der Griffel, rasend schnell in pulsierender Hektik, hart gegen das Weiß, brutal in die Leere speiend, und ihn verläßt, was er atmen könnte, und ihn verläßt, was atmen wollte, und er schreit nach innen, als die Tür sich öffnet, und saugt sich in sich aus.

Musik, erst mal Musik, vielleicht Debussy, heute ist Debussytag, Dienstag, Mittwoch, Debussytag, mein Gott, bist du komisch. Tee. Mate-Tee, Wasser kochen, Beutel suchen. Ein Apfel, genau richtig, Biß ins saftige Fleisch, gierig nach Leben nimmt er ihn in die feste Hand. Er dreht ihn kurz und mustert seine Frische, dann, damit sie auch morgen noch kraftvoll zubeißen können. Blaue Jeans, weißes Hemd oder dunkel... weiß, die braunen Schuhe mal, ok, gut siehst du aus, los geht's.

Der Brief. Fast den Brief vergessen.           

 

 

*

 

Solitude, meine engste Vertraute, wohin schaut dein leeres Auge? An diesem verlassenen Weg du stehst, wie Trivia längst nicht mehr verehrt. Ich sehe deine Lider nicht, wie sie blinzelnd flackern im Regenlicht, jetzt, da die brausenden Nebel in deine hageren Glieder pilgern, heimwärts nach geseufztem Tagewerk. Deine aschgrauen Haare bleichen aus im raschen Sturm, fließend im bauschenden Hauch, doch trotzt du ihm aufrecht wie der letzte Baum einer zerfallenden Lichtung, erhaben, doch licht.

Enger kosen sich deine finsteren Stoffe an der Knochen verbliebene Wärme, bedrängt und zerschlagen in wellende Muster; auch ihnen gebierst du Zuhause, an deine ewig löschende Glut sie sich schmiegen wie erschöpfte Krieger ins sorgende Bett, sorgenzerfurcht und traurig ungemacht, doch tröstend den Tränen, die sich nicht mehr bekämpfen lassen, noch unvergossen. Ruhig verströmst Ihnen du Halt.

Was siehst du, schauernde Schwester, was nimmt dein ehernes Starren auf in warnenden Weiten, die unserem Blick sich schüchtern verweigern? Unbekannt der Zeit, Verschmähte des Todes, treibt etwa nur reißender Wind dir das beißende Salz ins reglose Auge? Folgte nur dir und dem Blick, der dir fliegt wie ein Adler, der wissende Ich, erspähte er dort, was, was nicht ist, bald wird; das letzte Gefecht in der Reihe der Schlachten, den Zweikampf des Guten, des Bösen, den niemals wir sehen mit Augen in Wörtern? Verfärbt sich der Fluß, der das Leben bewegt, zum klebrigen Weiher, verliert sich der Faden der endlosen Schwestern in Trübe und Gischt, in Schwüle aus Nichts?

Kann gegen Niemals, Ich, nicht Ichselbst, halte ihn von SICH fern, so du kannst, doch ich werde harren, die Gräber zerscharren, denn wo du nur glaubst, da weiß ich, und wo du nur weißt, da bin ich, denn ich bin dein ewiger Spötter, denn ich bin dir Feind und rufe und schreie und brülle dich ein wie die Spinne das Opfer im schwirrenden Netz und rede dich tot mit geiferndem Gift und diskutiere dich polternd in dampfende Wörter und spreche das Leben aus dir heraus, labere in dich den krachenden Dolch, denn ich bin die Hölle, das Ende für dich, ich bin der Satz, der den Atem erlischt, niemals zu Ende, niemals geneigt, zaudere untote Schwüre herbei, manchmal abrupt. Und du stirbst wieder einmal, nur um mit dem Tod zurückzukehren.         

 

 

 *

 

 

Die Verlorene Straße stürzt an ihr so schnell, und sie verfällt dem verwitterten Schall eines jungen Todesschreies, aus dem die Stille ihre verhaltene Magie beschwört. Sie spürt, sie ist nackt, sie weiß, daß ihr Körper im unnachgiebigen Arm eines lebensbescheidenen Jungen verhakt geblieben ist, unbekleidet und unbewacht, vielleicht macht er mit ihm gerade etwas, das er Liebe nennt. Sie ist nicht dort, genau wie immer. Auf der Verlorenen Straße brennen die Lichter für sie, die sie immer gesucht hatte, eine Blumendusche aus fliegendem Mittelstreifen in reflektorgelb. Ansonsten umgibt Schwarz alles, keine Nebel oder verschwimmende Grenzen der sogenannten Existenz, alles ist nichts außer dem regelmäßigen Lichtrechkteck in der Mitte von etwas, das keine Ausdehnung haben darf, und doch genau im Zentrum. Geschwindigkeitsverzerrte Menschenknäuel in grauer Verzerrung massen ihr entgegen in ihrem endlich freien Fall ohne Richtung geradeaus und zur Seite. Russisches Roulette mit sechs Kugeln. Manchmal vermeint sie, in den zuckenden Augenwinkel ihrer verkrampften Seelenangst kurzes Auffunkeln zu versinnlichen, doch es verschwindet mit der Suche danach wie eine Rufende in siebzehnsekündigem Wald.

Ein zungenloser Drachenkopf grient versiegt vom Hals ihres erwachenden Behalters, als sie sich in ihrem Geist zurückdreht und ihre angstgeekelte Wahrnehmung vor sich und ihm und SICH verschließt. Wütende Sechzehntel verhämmern die Tür in seine Welt, und sein Zugang schließt ihr Inneres gänzlich aus. Er hat sie noch nie mehr wird er sie gesehen haben. Trotzdem schütteln ihn gurrende Krämpfe ca. zehn Minuten, nachdem er ihren Körper von unten durchstochen hat, er eitert aus einer nie versiegenden, aber willkommenen Wunde, die er sich selbst zugefügt hat in der Stunde seiner Konstruktion. Deus faber ex machina.

Nach vorne richtet sich ihr Sinn ohne Richtung, das heißt, eigentlich nach hinten, das heißt, es ist nicht dasselbe für die Zeit, aber für sie vielleicht schon. Die Massen schauen sie aus Epherons Augen an, benach er SICH kannte, vordem der Freak verherbstete. Ihre Gedanken schlagen in fremdem Puls, als sie SICH selbst entdeckt, ohne Umrisse und Gesicht, doch klar in ihrem Schatten vor ihr nachlaufend, gleichsam jedoch vor einer unendlichen blaugrauen Nichtsfläche sitzend auf einem Felsen. Sie wendet sich SICH zu, blickt in die Züge, die ihre sind in der Schattennacht, auf die Hände, die SICH so oft berührten, weil sie SICH für IHN hielten. Ihr Körper weint in einem Holzbett, als sie genauer hinfühlt. Die Verlorene Straße führt nun über das Meer, gelenkt von SICH und ihr, und die Massen verschwinden sofort aus dieser Abzweigung, die keine ist für sie auf einer Straße, die sich in verschiedene Richtungen nicht gabelt und keine andere kreuzt. Wolken gleiten unter ihr im Wasser, oder spiegeln sich, oder nicht im Wasser, das ihr Gesicht nicht nachzumalen vermag, da es ihr nicht mehr gehört, sondern den Lippen einer anderen Welt. Über ihr ist kein Himmel, nur Nichts, in dem sie sieht, was sie alles nicht ihr eigen nennen durfte, aber für sich sammelte.

Warmer Atem verlangsamt ihre Sturzkälte. Sie ist nicht mehr allein, weiß sie, sie verliert den angenehmen festen Boden, ihr heiligstes Gut, unter ihren stürzenden Füßen, weil sie hier, nackt und schutzlos, entlügt und bewahrheitet, nicht mehr allein ist, oh Gott, ich kann nicht weg, ich will weg, ohmeingottichmusswegvonhierwegwegwegvonweghiervonhierwegvonhierweg.

Solitude streckt ihre Hand aus, und die Verlorene Straße hält ihren Zeitraum an. Angst verzerrt zu Glühen, was eben noch kalt, als Harlekinsaugen eine Seele durchtrachten bis auf die Gefühlsknochen und die dahinter versteckten Regenbögen, mitten über dem Meer, das sich von beiden Ufern betrachtet weiß, ein leeres Schachfeld ohne Spiel und Taktik, und frisch weht der Wind der Heimat zu, mein Kind, brennende Betten, am Strand aufgebahrt, fangen Feuer und verbrennen die, die nicht durfte, was er wollte. Der orangene Mond geht vor Furcht unter, weil er glaubt, die Sonne hinaufstürzen zu sehen, doch alles verlischt in angestrengten Traumesträumen, als Solitude lächelt.

"Ich habe dich gesucht. Du wirst etwas finden, was dir nur in der Welt, in die du geboren wurdest, zugänglich ist und deine Heimat nicht berühren darf, ehe du es tust. Schlafe dich jetzt nach Realität zurück, ich werde dich bald hierhin zurückrufen, wenn du es immer noch möchtest. Ich werde warten."

Augen sehen gegen ihren Willen Schweißfleisch, ein Mund schmeckt eine Zunge, geschwollen in einem fremden Mund, Geruch nach Pheremonen und Ringkampfhalle, Arme an den Seiten eines feuchten Kissens, gehalten von anderen, entblößte Brüste ohne Halt im Wogen unter verstohlenen Blicken, aus denen Speichel auf ihre Mundwinkel tropft, Beine im Spreiz des Monsuns, gehalten von Schweißperlen auf Haut, Fett, Knochen, länglich, aufgespießt bis ins Herz von Reptilienzuckungen und Härte. Augen schließen sich, Sinne stumpfen, als sie füllt, was er ihr nicht geben will, loswerden reicht schon. Er läßt ab und entschwillt zur Seite.

"Das war toll," weiß er, denn in dieser Welt ist der König der Fischer längst gemeuchelt und der Gral gefunden und verkauft an den Mörder.

Sie zittert so heftig, daß er lächelt im Angesicht des sicheren Sieges, so unantastbar, daß er den versiegelten Briefumschlag auf ihrem Nachttisch nicht bemerkt.

 

 

*

 

 

Warum die Königin der Nacht nur so selten auftritt? Nun, sie ist immer da, sie ist vielleicht die wichtigste Protagonistin, ja, richtig gehört, Protagonistin, aber sie greift nie wirklich ein, verstehen Sie? Sie ist wie der dunkle Himmel, der uns tröstet und stärkt, obwohl er doch nie wirklich zu uns kommt und uns die hämmernden Problemschmerzen abnimmt. Sie ist ist dasselbe wie sie war, aber sie ist nicht dasselbe, das sie war. Früher war sie näher, aber trotzdem nicht dichter bei ihm und SICH und Stetson und wer hier sonst noch so rumläuft, bei mir. Es ist schwer zu beschreiben, was das bedeutet. Vielleicht lesen Sie am besten weiter, wenn Sie noch wissen, wie oder wo Sie überhaupt dran sind. Wenn Sie noch wollen... Ich weiß, daß es nicht leicht ist, und niemand wird es Ihnen irgendwie übelnehmen, wenn Sie das Buch jetzt zur Seite legen und nie wieder anfassen, aber falls Sie sich für mich interessieren, kann Ihnen niemand so gut sagen, was Sie vermeintlich wissen wollen, mich eingeschlossen. Ich sitze immer noch hier fest und schreibe, während Sie lesen, davon können Sie ausgehen, selbst gefangen auf der Suche nach dem Sinn. Also denn, bis zum nächsten Abschnitt oder auch Alles Gute!, falls wir uns nicht mehr weiterlesen!

 

 

*

 

 

In einer Galerie am Rand einer Stadt, die nur ungelesene Bilder enthält, stapeln sich Gemälde an Steinen zu Wänden, und ein lustloser Wachmann, ein Vertreter nur, wachst den Eingang für Massen, die niemand erwartet. Auch heute haben nur zwei Besucher den Weg hierher gefunden, zwei mantelbehüllte Männer im selben Alter, die sich ähnlich sehen, als seien sie Brüder.

In einem etwas abseits gelegenen, viel zu großen Ausstellungsraum hängen nur vier Wände von den Bildern und halten die Bleistiftzeichnungen an Grenzen und Boden wie ein atemloser Bergsteiger, der seinem entgleitenden Mitstreiter im montanen Ödland mit schweißnasser Hand den Abgrund der geendeten Klippe vorenthält. Rauhe Skizzen füllen die Papierbögen, die jeweils fast die ganze Wand umrahmt verstecken. Wie krauses Haar stehen einzelne Formen hervor, denen die Natur bisher noch keine Beachtung geschenkt, direkt benachbart einem leeren hellgrauen Niemandsland, wo keine bleigrauen Schürfwunden das Papier je störten. Einige Symbole sind fast erkennbar, wie beispielsweise die 2 dort oben links, die in eine 4 zu verlaufen scheint, finden Sie nicht, Herr..., oh, Verzeihung, ich habe doch tatsächlich Ihren Namen vergessen... das ist mir jetzt peinlich, entschuldigen Sie...

Stetson, und Sie waren Herr..?

Williamsborrough, von Williamsborrough´s, der große Kunsthandel am anderen Ende der Stadt. Meine Karte.

Die Bilder hören ihnen gelangweilt zu, als er Stetson ihren Sinn erklärt, zu oft schon haben sie vernommen, wie konfus und undurchschaubar sie und ihre Welt heutzutage geworden sind. Zu oft sind sie beschrieben worden in ihnen unverständlicher Sprache, meist lang und breit in irischem Akzent, und auch jetzt schwirrt der Raum von dekonstruierenden Satzansätzen, über denen das Reale seltsamer als die verkorksten Gespinste aller bemühten Dichter einzigartig Verwirrung webt, und die Form, die Ästhetik und die Struktur entsprechen nicht mehr der Mimesis, somit verfälschen sie wie Religion, inakzeptabel, sehen Sie, Stetson, sehen Sie hier, keine erkennbaren Grenzen, keine Anfänge oder Enden, wie ein Straßennetz ohne wirkliche Abzweigungen, und der verfolgende Betrachter bleibt verloren zurück. Hierin kann man sich wirklich verlieren. Dieser Mann, Junge? am Meer, schauen Sie in seine Augen, sie sind so leer, und sie scheinen zu spiegeln, sie scheinen auf Sie zuzufallen, geradewegs aus dem Bild heraus. Gegenüber, die andere Wand, schwarz und düster, wie sie dasitzt an der Klippe, umgeben von Wolken, ihre Gedanken?, sehen Sie doch, sie haben angedeutete Formen, aber man kann nicht genau sagen, was..., und auch sie schaut uns an. Wir sind jetzt genau dazwischen, und beide sehen genau in unser Gesicht. Verstehen Sie? Wir sind der Mittelpunkt!

Nein. Ich glaube nicht, daß wir das sind. Sehen Sie die andere Wand: ich glaube, es ist eine Straße, zumindest deutet dieses verschmierte Gelb in der Mitte darauf hin, eine Art Mittelstreifen, oder? Das ist in der Mitte. Sehen Sie den Boden? Dasselbe Bild, gespiegelt, und auch an der Decke, nur im Negativ. Verstehen Sie, Herr... oh, Verzeihung, jetzt habe ich doch tatsächlich Ihren Namen vergessen, das ist mir jetzt peinlich, entschuldigen Sie...

Kurtis, Jan Kurtis. Ich bin tot, wissen Sie?

Oh, das tut mir leid. Mein Beileid an Ihre Band.

Wenn Sie sich den Bildhintergrund anschauen, werden Sie feststellen, daß Meer und Himmel exakt dieselbe Farbe haben. Sehen Sie, sogar der Pinselstrich ist identisch, unglaublich. Und doch sind sie laut Signatur nicht von demselben Künstler, hier, signiert in verschiedenen Handschriften. Ist das nicht seltsam, Herr...oh, Verzeihung, jetzt habe ich doch tatsächlich Ihren Namen vergessen, das ist mir jetzt peinlich, entschuldigen Sie...

Robertson, Bob Robertson. Sie sind tot, wissen Sie? Dies ist meine Hütte. Sehen Sie den Freak auf dem Boden? Er ist leer, seit die schwarze Rose vertrocknet ist. Er ist allein, Einsamkeit seine einzige Vertraute. Sie sind sein SICH. Sie diskutieren ihn. Sie sprechen doch Latein, nicht wahr? Ihr seid SICH. Er ist unser ISTNICHT, aber wir sind sein WAR. Wir sehen beide Ufer des Meeres, des Himmels, des Lebens, des Raumes, wir sind in der Mitte. Wir sind der Mittelpunkt, Stetson.

Hören Sie sein Lachen? Ich war nicht dabei, als sich die beiden unterhielten, aber ich höre es jede Nacht in der Wolfsstunde, wenn die Hütte sich öffnet und mich frißt.

 

 

*

 

 

weißes tuch kiste polster bett zu fern für sitzend er nie mehr mensch bald hülle wütend ohne laut träne atem stöhnt rache krächzt auf schulter? grau immer grau schatten? auge halb zu blut offen nadel grün durch sieht er? komm bitte komm bitte lauf mit nach früher hause k...k...küstennaß sitzt herzen was für durchlöchert? heroin in augen wie zerbrochen wasser in venen bett leer augen so noch immer leer hände blutiger als mord sie kreischen ich stumme schrill kopf trümmer geh bitte wenn es dich gibt es dich? hört nicht durch nebelträume sie tot wenn sie fault sie kann nie sie verbrannt sie in mir west ich ohne sie sich er sich preßt mich sich durch nachtblut dich oder mich? klebt haar mich schmiert immer mein einmal körper nicht mensch lacht nur bitte geh deine zu lange hand um meine noch grau wald wurzeln tropft atem aus atem off hier bitte geh bitte geh bitte bitte denken in löcher knoten nieselblätter weiß bitte nicht spiegel augen lippen beißt saugt gesicht lass nicht dich bitte geh atem nicht durch dich grell wird schräg neinneinnein kalt moment halt geh bitte bitte geh lauf bitte wenn es dich gibt es DIESER SCHREI WEGWEGWEGNEIN nicht geh gggeh mit bitte an sich meinem flehen noch hand nach ins auge mein ist mir ihm und bitte geh neon dschungel dickicht von die herab aus her weg lauf jetzt gewitterdonner von weg bitte geh nicht mehr wir unser uns nicht weg! geh wir deine augen weg ich sich ich geh von mir geh geh geh zerfließe dich träne heiß aus mich wohin nur wohin nur ich gehe noch weiß nicht wessen herz steht still

schrei es aus meinen augen

 

 

 

*

 

In einem bunten Farbenhimmel, obenlos, untenlos, ohne weisende Richtung, die dem freien, freien Fall seinen schreckenden Namen geben könnte, in wehenden Rosenblättern und Kalenderseiten von unvergänglicher Gegenwart, wirbelnd wie im frischen Fahrtwind einer rauschenden Achterbahn, in offener Wolkenlichtung ohne lauernden Rand, von hier siehst du sogar bis in die zeitlosen Sternenlichter!, schwebst du augenlos in geschlossenem Allein dich selbst, fern gegen den weichenden Boden, den nur dein kauernder Verstand kennt. Schimmerleicht wie dein aristokratisches Haar fließt dein warmer Atem aus dir heraus, die huschende Luft in ungesehene Gemälde netzend. Deine blättergrünen Augen, bald auch von herbstenem Braun durchzogen, wehmütige Nachahmer des stillen Oktoberwaldes,  sind verschwunden hinter falschem Wissen, das in dich perlt wie essiger Hagel und frißt und frißt an deinem Herzen wie an einer nicht mehr nachwachsenden Leber.

Neben dir, merkst nur du?, ist niemand, denn du gleitest ohne ängstlichen Schrei, während, als noch jemand war, beißende Gischt dein ruhendes Fliegen umklammerte, und verklebt fallen die plötzlich gilbenden Federn aus deinen schillernden Träumen, als sie entDIRt werden von saugendem Druck tausender Blutegelwörter, du tust Mir weh durch dich, du läßt Mich im Stich, du verletzt Mich, wenn du das tust. Neben dir wuchert in überall um dich herum, als es auf dich eintränt, aus Ihm selbst, aber nicht von dir, das kreischende SOFORT aus angespitzten Augenhöhlen, aus grober Selbstsucht eines nahen Unbekannten, Unverwandten. Pflicht flechtet Schlick in Gitter, zitternd in bitterem Glibber, legt sich auf dein atemloses Gesicht. Zu eng, zu nah näht es deinen Mund zu stetigem JA, die du in erzwungenem Vertrauen verloren hast, wer Du ist. Warst. Hörst Du? Es ist weg. Er ist nicht mehr. Du lebst.

Du schwebst, doch augenlos ist nur dein Blick, fühlst du nicht, daß um dich herum wieder frei ist? Niemand will dich verletzen oder verkleben, aber Niemand ist weg. Und siehe da, du bewegst die sprühenden Funken deines Lachens, das uns lebt ohne Anfang, bald hierhin und pflückst ein Rosenblatt, weißes und rotes, aus dem gebenden Eigenraum, bald dorthin und schaust die schwingenden Farben des klaren Spiralnebels, bald weiter und weiter und weiter und dann - du spürst Gegenwart.

Und deine berstenden Venen verhärten sich, fast zum raschen Riß sogar, dein Arm spannt sich gegen die alten Sehnen, steinern verscheucht die gerötete Faust eine umspielende Tagebuchseite aus ihrer Farbe, steinern wie dein letzter Muskel, tief unter den gefletschten Rippen in die Ecke gedrängt. Deine gekniffenen Augen ziehen sich geschlossen zu scharfen Schlitzen zusammen, reißende Zähne der alarmierten Liebesapologien, allzu elegisch gebraut.

Du kämpfst. Du wehrst ab. Du rennst weg, weit, weit weg. Dein hechelnder Schritt hetzt den brennenden Puls des nächsten aus dem schmerzenden Muskel, rot und blau drängeln sich deine verhedderten Arme durch die sträubende Luft. Atem wie zu laute Drums, nervös und unregelmäßig ohne Takt, reißende Haarsträhnen wirbelnd im raffenden Gegenwind.

Du schaust dich sehnig um: Er folgt nicht. Verwirrt bleibst du stehend, vorsichtig noch einer List auflauernd; er jagt dich nicht. Du reckst den Kopf ein wenig in seine Richtung wie ein witterndes Reh, und da sitzt er am Boden, den bleiernen Kopf auf seine sorgenlastenden Hände gestützt, und blickt auf das weite Meer. Als er deinen schüchternen Blick auf seinem Rücken spürt, dreht er langsam den Kopf und lächelt. Er hebt die Hand und winkt dich heran. Du schreckst zurück, du zuckst einen hastigen Schritt zur Flucht, aber du rennst nicht mehr weg. Rennst du zu ihm?    

 

 

*

 

 

Der Winterhorizont in seinen Wasserfarben malt seine Traurigkeit auf die Augen des windschaudernden Hauses, mit denen er, am Fenster sich festhaltend in vergessener Arbeit, allein sehen kann, was die Welt ihm bereithält. Gerade erst hat der Sommer sich brausend verabschiedet, schon lassen die wallenden Stürme des bitteren Herbsts dem zurückgekehrten Herz keine Ruhe mehr in seiner gestern noch lauwarmen Apathie aus goldgelber Blüte. Die Kruste blättert schorfig von der heilenden Narbe, mahnend der verwunschenen Träume des letzten Kreises. Wohin der Blick sich auch dreht und wendet, er entkommt der äußeren Kälte nicht mehr.

Das Zimmer verweigert der Heizungsluft den Aufenthalt, indiskret wispern die zerzausten Fenster Kälte gegen seine dick ummantelten Glieder. Ein prustender Ofen singt seinen trägen Bodun über die schüchterne Musik, die durch das Zimmer schwebt, umsichtig und leise, bedacht, nicht den Abend zu stören. Ein Gedanke wie ein Farbtupfer glitzert durch den klirrenden Raum, den zischenden Regen trennend wie ein Dach, doch wohin er sich auch dreht und wendet, er entkommt dem inneren Frost nicht, er stirbt den beißenden Tod der Nüchternheit.

Epheron starrt auf den weiß strahlenden Bildschirm, unmerkliches Flackern in seiner spiegelnden Pupille. Schwarze Formen verhöhnen, wenn auch in ihre Plätze gefesselt, ihre allzu freien Seelen, zu ungebunden für bleibenden Sinn, tanzen durch sein zweifelndes Lesen, durch sein stolperndes Schreiben; er schreibt eine Geschichte außer der Welt, die nicht handelt und nicht entlehnt, nicht beschreibt und nicht folgt, einfach nur seine, die er nicht versteht. Die Buchstaben lachen ihn aus, wenn er sie erweckt in ein Leben so kurz wie sein Verdrängen der eigenen Unzulänglichkeit.

Eine rote Sonne trinkt jetzt das Meer, das ich hinterließ, als sie ging. Er weiß, was ich denke, aber es steht ihm im Weg, was es ist. Die Wörter täuschen ihn über ihre Worte hinweg, die ihre Leere beinhalten wie meine Lungen die Luft. Wie entfernt verklingende Noten werfen die innersten Sätze ihre Schatten und diskutieren die grobe Kreatur der Unentschlossenheit ins Leben, deren Adel in blauen Strömen durch die Lande der gestorbenen Phantasie fluten, kein Weg zu weit für ihre heimsuchende Geburtskraft.

Das starre Feld ist grau geworden, ein Acker eher. Versiegt seine Quelle, versiege dann auch ich? Ende ich dann, ein zerschmetterter Leib zwischen den Zeilen, verloren unterwegs auf flatternden Weg, der sich selbst die Richtung gibt, gerade wie das Meer sich in seinen Willen ausdehnt, wenn der Steuermann es nicht, des Ruders sich kraftvoll versichernd, zähmt und Kurs aufstülpt, was nur die Karten uns endlich gaukeln? Metaphern schwirren, und billig blinzelt die angestaubte Ironie wie eine gealterte Hure, die sich, ihrer selbst nur noch dämmrig bewußt, anbietet dem Biedermann, während sie intim versteckt ihre Würde, ehrwürdig ihr Alter. Der Text, der Anakoluth, distanziert dreht er sich um und winkt verstört, zieht weiter seines Weges ins Büro, neun bis fünf, zwei Kinder, Reihenhaus in der Vorstadt.

Die Schatten sehen sich verwundert an, machtlos gegenüber soviel ertotetem Nichts, das sein modernder Atem in ihre Gedanken mordet, das die frische Spur nach Hause in die Irre wischt. Die Wörter saugt die Tastatur auf den Schirm, doch nicht aus ihm. Erschrocken schaut er sich um, ob noch wer im Haus, der verfaßt, was hier steht. Wohin er sich auch dreht und wendet, er entkommt der Belanglosigkeit nicht; einzig die Worte leben, wenn er hier sitzt, wie der Sturm vor dem undichten Fenster, der gierig hineinleckt in die gemütliche Trockenwärme, das Summen des Elektroofens, das schummrige Schwelen der Streicher. Ironie, du versteckest mich auf fürderhin! Enigma meiner Trivialität, Psi einer staunenswerten Irrelevanz, vielen Dank für ihre wundervolle Gleichgültigkeit. Mir fehlen die Worte.

Er sitzt, er wartet. Auf sie. Und noch immer tropfen diese Tränen vom Himmel, und die Sterne husten Feuer, die durch die blaue Nacht fallen wie vergessene Boten, und dieser Raum ächzt nach Luft, flutende Wärme in sein zitterndes Gesicht, kalt wie der Nordwind. Seine Hände können sich nicht mehr bewegen, jetzt, da die Uhren stillstehen, alle Engel weit weg.

Blute mein Blut, schließe meine Augen; verwische meinen Atem, und verstumme meine Stimme, du kennst deine Lügen nicht. Laß mich weg, und bleibe mir fern, höre auf, mir nachzusehen und umnachte meinen Tag. Verbrenne diesen Brief in hellem Feuer, auf daß wenigstens dich dies wärme.

Laß mich jetzt im Stich, setze einen anderen an meine Stelle, mache mich zu seinem Fremden; verwirke mich, zerlege mich in meine leeren Zellen, vergiß mich jetzt.

Vergiß mich jetzt, denn ich, ich warte immer nur.   

 

 

*

 

 

SICH schaut um sich, gebeugt, kriechend fast, SICH ächzt, speicheltropfend, geiferfeucht, SICH sucht Nahrung, auf allen Vieren aufrecht gehend, Klauen an die Arme genäht. Rote Wut in den Feueraugenhöhlen, lauernder Tod ohne Wächter, blutiger Mund und die Ketten zerrissen, eine letzte Metamorphose, spät, spät am Abend. SICH läuft, stupide, stolpernd, fauliges Schnauben aus dem Aas atmenden Rachen trieft auf seine uralten Schultern, farbig wie verdorbenes Obst. Seine rapiden Schritte ohne Rhythmus. Zerkratzt von den steinernen Krallen der unzähligen Krähen auf seinem unbestimmten Weg, auf die er auch IHN geschickt. ER, der ihm klebt, ER, der ihm an jedem Bankett das magere Essen stiehlt, wenn er erscheint in all seiner magenschmerzenden Pracht, seiner schmierigen Klugheit, madenzerfressenen Selbstgefälligkeit, ER. Er kann IHN nicht abschütteln, denn überall, wo SICH hinkommt, ist ER schon.

SICH kniet auf den schmutzigen Teer und frißt zertretenen Dreck. SICH hungert der Straße ins grinsende Gesicht, vorbei an den rasenden Passanten, die ihn nicht einmal bemerken, wie er nagt und nagt. Seine Wunden, seine leeren Venen, die zerstochenen Augen ohne Lider. Er hat sie abgerissen, als sie sich nicht mehr schlossen. ER und Epheron und SICH und eine Marmorstatue. Die Welt nennt sie bei einem Namen nur, es wuchs zusammen, was nie zusammen gehörte und nur war, weil das ISTNICHT es erbrach.

SICH, grauschwarze Krötenhaut, noch klamm mit dem ungewaschenen Geburtsschleim, abgetriebener Fötus, der in diese Welt starb. SICH leckt die moderwarzige Zunge über die ausgebrochenen Asphaltbrocken, die fettigen Lippen von den stickigen Zähnen gelöst, schmatzender Speichel dazwischen. Sechzehntelnoten seines Grimms hämmern seinen herzlosen Puls in die gilben Knochen. Der leichendürre Rücken zeigt dem ekelnden Himmel seine schwelenden Geschwüre, spärliche Haarkorpse wehen wie verlassene Spinnweben den blanken Schädel wund, den Nacken, den Rücken, im moskitospeienden Südwind.

Dann gespanntes Wittern, Nüstern, Grinsen würgt die Augen, Gelb glimmt die Zähne. Heiserer Rauch lacht sich aus seiner keuchenden Brust wie rohes Fleisch im dumpfen Schwall eines Würgenden. Erhoben eine Klauenhand, abgebrochener Nagel, sein eigener Tyrann, sein Sklave im Wüstenhunger. Geiferpfützen am brennenden Kinn, tranig der lustlose Staub im zuckenden Magen. Gedärme zerdrücken verdautes Leben zu dampfendem Kot, blutige Lust erigiert sein krummes Glied bizarr und wäßrig, Gier würgt die groben Augenwunden aus den Höhlen.

SICH findet.

 

 

*

 

 

Gelb tropft das Nikotin von der klammen Wand, als er seinen entscheidenden Satz beginnen will, späte Nacht schaut wieder mal zu einer ungeduldigen Uhr an einer der beklebten Mauern. Stundenlang sitzen sie hier, schon lange ist nichts mehr geschehen wie auf einer unnötigen Pressekonferenz, und ihre Worte stürzen nicht einmal aneinander vorbei, sie sprechen in verschiedene Richtungen von verschiedenen Welten, vielfach verschachtelt in nervöse Nebensätze. Sie wirft vor, er schweigt, sie beschuldigt, er lacht, sie induziert, er analysiert, sie fordert, er weicht, sie fragt, er fragt gegen, sie fühlt, er denkt, sie glaubt, er meint. Gegenüber, Auge in Auge, Stirn gegen Stirn, und doch auf zwei unterschiedlichen Seiten der Welt, Meere aus Tränen und Schweiß zwischen ihnen ausgebreitet wie schmutziger Teppich. Erschöpfung keucht, zu zweit hat Einsamkeit besonders kalte Zähne.

Der Freak fühlt den offenen Westen in sich, wenn er in ihre anklagenden Klammeraugen schaut, Epheron ängstigen die scharfen Widerhaken in ihren groben Worten und schrillen Gesten, SICH wütet gottvergessen tief innen mit blutverschmiertem Mund, längst nicht mehr in den bannenden Fesseln gefangen, die zweitausend Jahre dauerten, nicht zweiundzwanzig.

Und sie stürzt schneller denn je in ihre kokettierende Alleinheit, stolz in ihrer quellenden Verbissenheit, von der sie nicht kann, barsch wie ein gereizter Bluthund und doch zahm in der Hand ihrer mißverstandenen Prinzipien. Sophie hat keine weisende Welt, wo sie herkommt, Feind ist, wer nicht sie ist.

Und sie prallen aufeinander, gezeitenstark und unvereinbar wie die Weltenwinde, schäumende Gischt trieft in ihren Augen gegen die schroffen Riffs, steuerlos, den türmenden Bug zerbrochen wie Menschenherzen in selbstbeschworenem Feuersturm.     

Ich will nicht mit dir streiten, ich will endlich nochmal einen schönen Abend mit dir, es ist so lange her, seit wir uns zum letzten Mal einfach so aneinandergekuschelt haben, aber du findest immer irgendwas, womit du mich kritisieren kannst, und wenn ich dir darauf antworte, hörst du mir nicht mal zu, genau wie jetzt, du schaffst es einfach nicht, mir auch mal das Wort zu lassen, du willst immer nur in meinen Arm und deine Ruhe, was ich will, interessiert dich gar nicht, dabei wollte ich gerade überhaupt nichts anderes, falls du es nicht bemerkt hast, du gibst mir keine Chance, irgendwie für dich da zu sein, alles, was ich tue, wird abgeblockt, alles ist zu wenig, immer nur du, wie es in mir aussieht, interessiert dich doch schon lange nicht mehr, hörst du mir überhaupt zu?

Du hast mir die letzte Viertelstunde überhaupt nicht zugehört, so wie du dich jetzt wieder an mich drückst, ich erzähle dir groß und breit davon, daß es mir nicht gut geht, und du willst immer nur Sex, interessiert dich eigentlich sonst noch irgendwas an mir oder habe ich damit ausgedient, sag doch mal, dabei wollte ich einfach nur mit dir zusammensein, eng,  ok,  aber nicht, um direkt zu vögeln, aber dir ist einfach Nähe ja einfach nicht genug, du mußt ja immer aufs Ganze, und auf mich nimmst du überhaupt keine Rücksicht, du willst schon lange nicht mehr mein Freund sein, nur noch Sex, das ist alles, um mich persönlich geht es doch gar nicht mehr, du willst nicht mehr hören, was ich zu sagen habe und gehst nur noch deine eigenen Wege, und ich muß hinterher, hörst du mir überhaupt zu?

IM SPALTENSATZ!

 

 

*

 

 

Farblose Wände, ein staubiger Schreibtisch, darauf Notizen, Flusen tanzen träge drumherum. Ein Fenster blinzelt mit halb geschlossenem Lid wie im Traumschlaf, visionslos dennoch, gesichtslos außer für die Langeweile. Sein Photo an der Wand daneben, leicht ungepflegt und ebenso staubig, Christian im Grins, daneben ein Schrank oder ein Regal oder ein Bett oder was auch immer, selbstgeschnitzt. PVC drückt den Boden, alte Farbe die Decke, schmucklos und gerade, eine 40 Watt-Sonne macht alles genau sichtbar. Ein Kleiderschrank, eine Tür offen, die andere angelehnt, bunte Wäsche übereinander gestapelt, Slips, T-Shirts, Socken, auch Hemden und bleichende Hosen. Ein ungemachtes Bett, ein Nachttisch mit offener Schublade, ein Papierumschlag, ein offenes Buch. Hifi-Boxen, CD-Player, einige CDs, Staub. Sie darin.        

Die Zunge benetzt die Außenwände des Mundes, die Unterlippe wird hart gebissen, die Finger krümmen sich vor die Zähne, die Schultern fallen in sich zusammen, Augen kneifen die Stirn in Falten, die das Haar nachzaust. Sie tritt an den Tisch, schlägt das Buch zu, die Schublade schrillt, das Papier zerbricht unter dem scharfen Druck eines Zimmerschlüssels, ein Blatt zischt aus dem verwundeten Umschlag, nur eine einzige einsame Zeile sticht in ihr Auge und in ihr Herz.

Die Tür fällt hinter ihr zu, und Christian wird sie niemals wiedersehen. Sie ist jetzt auf der Reise nach Hause, nun, auch wenn sie den Weg dahin nicht kennt. Zurück bleibt der Umschlag mit seinem blutfarbenen Siegelwachs vom unteren Ende der letzten Kerze. An SIE, steht darauf, von MIR. Ein Stückchen Papier lugt vorsichtig heraus, als ob es nicht wirklich in diese Welt geboren werden wollte.

Die Königin der Nacht lächelt ihren Schutz über sie, als sie die Straße wieder betritt, ihr jetzt nicht mehr verloren und dunkel, sondern frisch und ungelebt. Die aufgedämmerten Schatten streicheln aufblickende Augen hoffnungsvoll über die ihren, die grauen Nichtstraßenränder verbergen nur noch mühselig ein aufgehendes Licht, unseren sonnengegerbten Gesichtern nicht mehr alternd. Der schimmernde Mond steigt auf eine weitere Bahn, und von fern glitzert er nur noch mehr, jetzt, da er nicht mehr verblendet, was er selbst zu sehen begehrte; eines Tages wird er auf ihre Straße wieder scheinen, wenn auch jetzt noch nicht mehr.

Sie aber schreitet voran, genau wissend, wo sie nicht hin will.

 

 

*

 

 

Der Freak stiehlt seinen hageren Gang durch die gefallene Stadt, durch die regentropfenden Phantome in ihren geschwollenen Mänteln, düster und dicht gehüllt in ihre Sorgen. Sein geschwächter Kragen steht in letzter Kraft naß an seinem sehenzertrennten Hals, kämpft eine verlorene Schlacht gegen das rinnende Wasser aus seinen wirren Haaren, seinem kalten Gesicht. Wie eine einsame Seele weht der Wind seinen offenen Mantel hier- und dorthin, er spielt mit dem dünnen schwarzen Stoff, ihm hilflos ausgeliefert wie ein verirrtes Kind. Seine dunkelblauen Hände durchsuchen die Taschen nach Wärme, die Schultern nach vorne gezogen wie ein verzweifeltes Vorhängeschloß. Lautlos wie dunkler Samt schreitet er seinen Weg nach, Pfade, die er hinter SICH her trottet auf einer Jagd in der Hoffnung, ihn nicht mehr zu finden. Zwei Jahre ist er unterwegs, zwei Jahre ist er gegen die Zeit gelaufen, und am Horizont sieht er jetzt manchmal etwas, oder glaubt es zu sehen, wie eine vermummte Gestalt, vielleicht nur ein anderer Wanderer, vielleicht nur seine verhüllten Gedanken, zu denen er schon lange keinen Zugang mehr findet. Vielleicht aber auch SICH, den er fürchtet wie einen unverzerrten Spiegel.

Die eisige Menge fließt an ihm vorüber, ohne ihn zu bemerken, und kaum einmal wird er angestoßen oder muß ausweichen, sein Weg strebt vorwärts, als sei er festgelegt, wie der der anderen, und sie kreuzen sich scheinbar nicht. Völlige Ignoranz der anderen umarmt ihn in ihrer warmen Geborgenheit, und kurz bemerkt er den allgegenwärtigen Nieselregen auf seinem frierenden Körper, bevor er sich wieder aus ihm zurückzieht. Was, wenn er SICH findet? Bisher war sein Leben die Suche, was wird es sein, wenn er gefunden hat? Wird es sich auflösen in nichtige Luft und naive Sonne und windloses Wetter? Wird er vergehen wie die Elfen aus den unerzählten Geschichten? Enthüllung und Erkenntnis, Ende und Sterben, Apokalypse webt vernichtende Erlösung.

Verschwommene Gebäude nebeln vor seinen offenen Augen, blind für ihren irrealen Glanz, laut blinken Leuchtreklamen durch die einfallende Dämmerung. Nervöse Verkäufer schreien ihre letzten Waren auf die unbeeindruckten Passanten ein, da die ungeduldigen Stunden auf ihr ersehntes Ende warten, ein neuer Tag wird alt. Der frühe Abend lächelt seine Dunkelfarben auf die dünstende Stadt, doch niemand sieht zu ihm hinauf, niemand bittet ihn hinein.

Grob schlägt ihn lähmendes Gleißen entgegen, als er um den letzten Block biegt. Eine Parade, unbekannt ihr Anlaß, schwappt durch die Hauptverkehrsader, brodelt in einförmigem Lärm, nun da er sie sieht. Neugierig zögern seine Schritte näher heran, lockend leuchtet der Weg. Maskierte Massen biegen sich in ihrem Lachen, zischende Musik, stolpernder Alkohol in der abgelagerten Luft. Je näher er kommt, desto mehr engen sie um ihn herum, drücken seine Schultern, vermischen ihre Nässe mit seiner. Und doch hat der Regen hier aufgehört. Eine Hand schwingt an seiner Schulter vorbei, trifft seinen Magen im Vorrüberrauschen, das Gesicht erzählt ihm vom Teufel. Schlammig wachsen an allen Seiten Plastikmenschen auf ihn ein, starre Gesichter pressen in seine Augen. Doppelzüngig in giftigem Grün eine Schlange, die entstellt schräg den Kopf hißt, suchst du mich?, lacht. Er hechtet ihr nach, reißt den rennenden Rücken des Flüchtenden herum, blickt auf ein Weiß gleich seiner selbst, fühlt, wie er halb zerfällt für einen zerrenden Augenblick, bis er wegstiert, weil sein Mantel gezupft, hallo!, ein runzelnd altes Gesicht, ich bin wohl noch zu früh, aber nichts für ungut!, ein Furunkel platzt, und die Gischt des Eiters auf seiner Haut verbrennt, aber links, links reißt sie ihn zu sich, Medusa, verquollen, starr, in einen Spiegel schauend, bin ich schön? Er fällt zu Boden, auf allen Vieren kriecht er schürfend zur Seite der Straße, Tritte prügeln den verrenkten Rücken wie einen endlich gefangenen Wolf.

Endlich biegt er in eine entleerte Nebengasse. Er schaut sich um, blickt auf die leere Straße, Regen prasselt gegen die Autos im Vierspurnetz. SICHs flammende Spur in engen Schritten vermodernden Gestank zeichnet Spuren wie ein Betrunkener. Niemals war der Freak unsicher, wohin SICH sich gewandt haben könnte, die Spur war ihm immer deutlich, und es schien ihm fast unmöglich, daß die anderen sie nicht bemerkten; doch so oft sie sich an ihr verbrannten, so oft verkohlte Leichen am Wegesrand liegen blieben wie weggeworfen, alle sahen SICH nicht, alle nahmen ihre brodelnden Wunden entgegen wie einen kaltenden Windhauch ins Gesicht und gingen weiter. Nur der Freak sah ihr Verbluten, ihres und seines.

Vor ihm gähnt die leere Straße im reglosen Abenddunkel. Der Regen ist eine schreiende Gitarre in seinem brennenden Kopf.

"Wer bist du, und warum folgst du mir?"

Ein Schatten springt aus dem Dunkel, direkt auf ihn zu, unsichtbar in seinen Verbündeten wie ein Tropfen im Wasser.

Ich suche SICH. - Warum suchst du ihn? - Bist du SICH?- Nicht mehr. Warum suchst du SICH? Was willst du von ihm? - Ich... ich muß ihn finden. - Zu welchem Zweck? Was willst du tun, wenn du ihn findest? - Ich weiß nicht, was dann geschieht. Aber ich suche ihn jetzt schon so lange, denn er hat Schuld. - Schuld woran? -  An allem. - Ich sage dir, daß SICH dir nicht helfen kann. Er läuft weg, weil du folgst. Er weiß, daß du ihn töten wirst. - Wer bist du? Woher weißt du..? - Ich bin nicht Wer, ich bin Wann; ich komme von nach dem Ende, und ich will dir helfen. Ich habe den glühenden Sommer gesehen, und ich weiß, daß du in die falsche Richtung läufst, von ihm weg. Vertraue Wann, vertraue dir. Vergiß SICH, vergiß, wohin du lebst. Denn ich komme von jenseits des Endes, und dort bist du nicht mehr. Die Jagd und die Flucht ist zuende; ein neues Alter liegt vor dieser Welt, in dem du nicht mehr sein kannst. Du könntest es nie verstehen; die wärmende Nacht wird sich mit dem lachendem Tag vermählen, und das Dunkel verliert SICH, seinen blutigen Tyrannen. Und SICH verliert dich, seinen Jäger, und endlich kann er schlafen, endlich kannst du schlafen. - Ich sterbe? - Ja, du stirbst. Sei ohne Angst, Freund. Ich werde da sein. Wir sind eins, auch wenn wir nicht dasselbe sind: Aus dir werde ich lachen, aus dir wird das Glück entstehen, so wie Grau erst Weiß erschafft. Ich habe gefunden, so ist deine Suche erfüllt. Es endet hier. 

 

*

 

 

In anderer, größerer Zeit schwebt die geduckte Dämmerung durch die verregneten Lande, über die dunkelgrünen Hochlandwiesen, über die ragende Herzschlagsilhouette verschwommener Berggipfel, durch das abgeworfene Skelett zurückgezogener Waldländer. Mit seinen halbgeschlossenen Augen verstecken sich mutig die frischen Könige des frühen Morgentaues vor der ziehenden Erde und schwingen sich in langsamer Verzagtheit in die erkälteten Vogelreiche. Blind röchelt der Atem des müden Windes von Zeit zu Zeit in ihrer Begleitung durch die schwankenden Gräser, bald dorthin, bald hierhin sich den krummen Weg bahnend.

In eleganten Trab tasten sich zwei graue Pferde umsichtig durch das grüne Bodengeflecht, fast schweben sie in ihrer schnellen Welt über den unverletzte Haut ihrer altvorderen Gaia. Dunkel stechen ihre tiefen Augen durch die Nacht, die ihr hoch erhobenes Haupt in samtene Schwingen malt, als es sie durchgleitet wie glatte Delphine die Wasserwolken, zauberhaft lautlos. Ihre wehenden Reiter schweigen sich zu würdigen Begleitern, unbewegliche Säulen aus flüssigem Stein. Kein Auge könnte ihre nebelnde Bekleidung beschreiben, selbst wenn es sie sähe, und so beherbergt ihre sterbende Welt nur noch diese beiden engsten Söhne an ihrem schwindenden Sterbebett, denn niemand hat je ihre verborgenen Antlitze erkennen können, weil niemand sie je sehen wollte. Also erbauten sie eine gläsernes All nur für sich, wie die verschwommene Kugel einer alten Wahrsagerin den von Sturm und Drang Entlassenen in ihre schüchternde Seele sticht. Nebelritter nannten sie sich, ein nie gehörter Name bis zu jenem Tag auf einer Terrasse in einer anderen Welt, und auch dort nur von ihnen selbst gesprochen, doch das ist schon sehr lange her, und, wenn überhaupt, dann erinnert sich nur einer der beiden noch daran.

In diese frühlingsgemalte Region, die ein anderer Geist sich schon Jahre früher sterbend aus Blättern getüftelt hatte, lebten sie sich und ihre Träume hinein. Die Alter rasten in ihnen vorbei, ohne daß sie sie spürten; sie alterten niemals, denn sie waren die Großen Zauberer, die in der höchsten Not aus anderen Reichen zu Hilfe geeilt waren, mächtig und geheimnisvoll, düster und undurchschaubar. Viele blutige Kriege hatten sie erhaben geführt, groß war ihr Ruhm und unbefleckt, doch niemals hatte man sie hochmütig gesehen, niemals herablassend gegenüber den Anliegen der bewundernden Bürger.   

Sie bewegen sich mit ihren stolzen Pferden stetig über dieser endlosen Ebene, immer gleiche Landschaften in einer romantischen Vision wie ein Bluescreen neben sich ziehend, der Horizont fest im dämmernden November verankert und niemals näher, da sie keine Richtung führen. Sie schauen sich an einander vorbei, sie werfen Blicke auf die wundervolle Skyline, die so schön ist, daß sie sie nie erreichen wollen, sie öffnen die Münder weit, synchron fast, sie schweigen.

Nicht die Zeit hat sie eingeholt, nein, es ist nicht immer ihre Schuld, daß verwest in den Boden getrampelt wird, was der Frühling damals hervortanzte. Ein Schiff erwartet sie im grauen Hafen, um sie schließlich am Ende ihres mühenden Weges in die vermißte Heimat zurück zu tragen, doch sie finden es nicht, so viel sie auch die leeren Lande durchstreifen. So oft sie auch in den wärmenden Sonnenuntergang reiten, nie glänzen bewölkte Wellen in ihren Blick, nie will die Geschichte enden, auch wenn dem erschöpften Autor schon lange keine Tinte mehr in der wunden Feder übrig geblieben ist. 

Und bald träumen sie sich heraus aus diesem Traum in ein unbeachtetes Leben, das kauernd an einem Straßenrand schläft, in starren Fels gewartet. Zwei Begleiter wachen daneben über die festgelegte Härte der Konturen. Wer bin ich, wenn nicht Du? Und wie sonst bin ich in diese Geschichte hineingekommen?

Ein Spiegel für das Labyrinth, hast Du es gemerkt, werter einzig wichtiger Leser? Oder bist Du schon wieder darauf hereingefallen?

   

 

*

 

Leerer Raum, völlig leer, nicht einmal Wände. Zwei gegenüber

Freak   Wer höher als Tode, wer schneller als Nacht, wer bietet dem Schlafe die Stirn?

Sich   Wem trauen die Winde, wem flüstert die See, wem singt leis die Nachtigall zu?

Freak   Sind dunkler die Wälder, verborg´ner die Feen, und ragt gar der Äther so firm?

Sich   Zu wem weh´n die Nebel, für wen schmilzt der Schnee, durch wen erlischt sterbend die Glut?

Freak Hörst du mich? Ich war da, als du geboren wurdest, ich werde da sein, da du stirbst.

Sich  Ungleicher Bruder, hier treffen sich unsere Geschichten, so lange an einander vorbei erzählt im selben Leben.

Freak    Dein Herz schlägt krumm für die Ohren Fremder, Wanderer.

Sich Fremder Wanderer, das bist du.

Freak Immer noch nicht verstanden, wer ich bin?

Sich   Ich weiß, wie du funkelst, für wen.

Freak   Ein Friedhof. Du wurdest auf einem Friedhof geboren, als ich starb. Es geht rückwärts, wir gleiten in die falschen Richtungen. Vielleicht wird jetzt alles etwas klarer, finden Sie nicht?

Sich   Wir sind in Ihrem Kopf. Eigentlich ist es doch alles ganz logisch, Sie müßten es jetzt eigentlich verstehen. Allein dieses Setting hier: "Leerer Raum, völlig leer, nicht einmal Wände." Ach kommen Sie schon, Sie haben längst verstanden, was hier vor sich geht. Diese Geschichte kann ja gar nicht real sein. 

Aristoteles   Nein, nun wirklich nicht.

Nathan Adler   Wieso denn nicht?

Freak   Wir müssen sie befreien. Verabschieden wir uns.

Sich   Möge ihnen der letzte Stern leuchten.  

 

 

*

 

 

Sie öffnen die gläserne Haustür nach einem blitzkurzen Abend aus viel zu viel lachender Margherita, sie klettern auf die dunklen Fliesen in den dämmernden Flur, wo die halboffenen Türen herein, nur herein blinzeln. Ein schüchterner Gentleman verbeugt seine Geige ehrwürdig nach einem geendeten Straßenkonzert, verklärt schaut der Gitarrist zwölfjährig durch die herbstnachmittagfarbenen Vorhänge, wehendes Schwarzweiß. Eine überfüllte Garderobe, ein verbrauchter Kapitän, versteckt an der Wand auch das Bild der Krähe, der einzigen.

Nach rechts zieht ihr vorsichtig hoffender Atem sie, die sie noch nicht wissen, wohin sie nun gehen; ein verwohntes Zimmer begrüßt die Unerwarteten, peinlich berührt ob der nur heute vernachlässigten Eigenpflege. Gebeugt liest eine Lampe in der Schattenecke das zugestellte Regal, ansonsten herrscht die Nacht von draußen herein über die Bewegung ihrer Schatten, die sich schon jetzt immer öfter näher als nah in bizarr verbogene Fragezeichen schmelzen.

Schwarz umgibt das Bett in feinem Tuch, ungemacht an der verschwommenen Wand winkt es sie heran, die sie jetzt unsicher in den Regalen nach Unterhaltung suchen, die sie doch gar nicht wirklich finden wollen. Aber das weiß er nicht, und auch sie versteht nicht, was er ihr andauernd keck vor die Augen wirft, nur kurz aufblitzend zwar, nur versteckt glimmend wie eine unbeachtete Zigarette in der nächtlichen Regenrinne.

Auf dem nackten Bett sitzen sie nebeneinander wie auf diesem alten Klassenfoto, gespielte Unschuld oder unschuldiges Spiel, wie auch immer. Zu oft schaut er sie an und denkt zurück an diesen noch frischen Zauberabend mit seinen Doppelstrohhalmen, leuchtend roten Frühlingsfrüchten, ihrer zerrissenen Hose. Wie ihre verschweigenden Augen endlich herauszwinkern, was aus den eleganten Worten nur der Ton spricht, Ironie in seinem leeren Wasserglas; wie ihre Wangen leicht erröten, wenn er ihre magischen Formeln auf anscheinend Zweideutiges abklopft, und sie tatsächlich denkt, er sehe diese glühenden Flammenzungen nicht in ihrem handbewehrten Gesicht! Masken setzt er auf, den gewandten Narren, der feine Ironie in kühlem Weltstil zerstäubt, den verborgenen Verlorenen, der den Weg aus dem stillen Meer seiner eigenen Augen nicht mehr findet, sogar den tänzelnden Kavalier entlockt er seines kleinen Freundeskreises lauernder Runde, erfahren, bewußt, unantastbar. Sie färbt sich von sommerblumenbunt nach hauchblau, bald verlegen, die Bluse bald auch des dritten Knopfes entledigt, von ladyblaß zu abendsonnensprossig, bald mitternachtskühl gegen seine erspielte Eleganz, bald offen in seine Worte wie eine Blumenwiese in der Mitsommernacht. Sie weben ihre liebevollen Netze in eines, als der Abend der verspäteten Schwester einen Blick gestattet, und voll von erträumter Sicherheit wanken sie umsichtig und behutsam nach Hause, wirklich nach Hause.

Stolz überläßt er dem funkensprühenden Film den Raum und gehört ganz ihrem zarten Gesicht, ihren verletzlichen Augen, ihren fragilen Händen, ihrem strömenden Atem. Und diesem Duft, der aus ihrem langen, streichelnden Haar fliegt wie die Nachtigall in die leisen Töne des wispernden Windes.

Ihr Blick richtet sich nach vorne auf den flimmernden Film, nur das Zucken ihrer Wangen verrät, wie sehr sie seinen sachten Blick bemerkt. Endlich schaut sie ihn an, doch er hat schon wieder aufgegeben, jedenfalls für die nächsten zweidrei Minuten. Lautlose Augen erforschen mutig sein Gesicht, die krumme Nase, die unsaubere Rasur, die zerfahrenen Haare, auch die etwas zu weit heraustretenden Wangenknochen. Natürlich streichelt ihn jeder Lidschlag in den Augenwinkeln, und mit all seiner aufblühenden Kühnheit öffnet nun er seinen plötzlich unförmig verformten Mund, verzaubert von soviel leuchtender Anmut, in der ihre Augen Tautropfen sind, die die Morgenröte liebevoll in ihre schonenden Arme schließen will.

NEIN zerreißt die verlegene Magie wieder in zwei Hälften, und als sie es erschrocken spürt, ist es fast zu spät, doch leise murmelt sie zuletzt noch, daß sie trotzdem die Bettdecke sehr gerne über ihren Beinen spüren würde, gemütlich und so.

Sein zitterndes Herz zerschlägt seine Stimme. Mit einem unsouveränen Räuspern zieht er vorsichtig die flauschigen Daunen heran, bis ans Kinn, kauernd, nah, zusammen. Sie tut es ihm nach, und fragend lächeln sie sich an, zu kurz, als daß sie die Verunsicherung und das kaminfeurige Knistern in den geröteten Wangen verpassen könnten.

Endlich, endlich, endlich lehnt sie sich zurück, noch enger müssen sie nun zusammenrutschen, da sie sich ja die wegen der ständigen Bewegungen schon über die Maßen genervte Bettdecke teilen müssen... Wenn jetzt seine Hand wirklich, ehrlich, echt! zufällig an ihrem nicht zurückzuckenden Knie vorbeistreift, wenn seine bebenden Finger - in gestikulierender, temperamentvoller Art natürlich - wohl doch etwas zu lange auf der leichten Rundung ihrer zerbrechlichen Schulter, irischhügelweich, weilt, wenn schließlich sogar seine Hand in zärtlichem Tonfall ihrer anschmiegenden Wange während seiner ironischen, inhaltlich überflüssigen Diskurse Gegenworte mitteilt, die sie einhaucht wie die süßesten Parfüme Arabiens, immer dann sprühen zwinkernde Funken aus ihren Augen, und dann sind sie die schillernden Sterne in den rauhen Gefilden dieser gedankenverlorenen Welt, für einen unzerbrechlichen Moment unsterblich Verliebte, die wissen, daß sie diesem Augenblick nicht von der verwässernden Zeit die gleißende Ewigkeit rauben lassen dürfen.

Als ihre zärtlichen Augen sich fast schon ängstlich treffen, als irgend jemand ihre zögernden Lippen zu einem sommernachtswarmen Kuß zusammenführt, weiß er, daß er niemals vergessen wird, was er heute abend gesehen. Und still und leise fleht er SICH an, zu gehen, aber wissen Sie was? Er war schon weg.

 

 

*

 

 

In einer Galerie fällt ein Bild von der Wand, einfach so, es berührt den Boden und zerbricht. Das Personal stürmt herein und hebt es hoch, doch das ist zwecklos; nur der Hintergrund ist noch erkennbar, die gesamte Bildmitte aber ist in bizarre Muster zerfetzt wie ein Beutetier von der Pranke eines schlingenden Löwen. Der alte Bibliothekswächter senkt den betagten Blick langsam zum splitterbedeckten Boden und schaut müde durch ihn hindurch.

An einem Strand liegt eine grünlich schimmernde Spritze im Sand und vergießt ihre letzten Gifttropfen in stiller Verlassenheit. Ihre Geister weiten die Augen zum Horizont und lachen heiser, als sie sehen, was er nicht sieht, er, der ins Wasser steigt und geradeaus wandert geradewegs in die Fluten und vielleicht in sein Nichts, das er finden muß, um zu wissen, daß nichts nichts ist, was er braucht, und daß ein Dämon ihm sein Herz vorlügt, und daß er SICH braucht, weil er SICH ist. Das Meer ist zugleich eine Wüste, und er versteht die Ironie darin erst jetzt.

In einem dunkelgesamteten Zimmer erhebt sich eine schwarze Rose in die knöcherne Hand eines Nackten. Seine grauen Augen zucken über den verkrampften Schultern und malen seine Seelenkardiogramme in die flimmernde Luft. Die Stille ruht nicht mehr. Er greift seine alten, ewig schwarzen Gewänder, und seine weiße Haut begrüßt die lange verschollenen Freunde und schmiegt sich warm an ihren sanften Kaschmirhauch, und die Zeit steht still, dann läuft sie zurück, ihm entgegen. Die Tür winkt ihm freundlich zu, immer noch offen entläßt sie ihn in ein wogendes Meer aus wehenden Gräsern.

An einem Morgen danach löscht Epheron die Feuerwerke von seinen Lippen und erhebt sich zum letzten Mal aus ihrem warmen Arm. Seine Augen sagen ein Nimmerwiedersehen zu den vertrauten Rosenblättern in ihrer Haut, als sie mutig sagt, was er schon lange nicht mehr denken kann. So einfach ist alles, wenn es nicht mehr ist. Und nun ist es vorbei. Wenn der Abschied zu groß für Worte ist, reicht es, wenn beide wissen, was der andere jetzt auf keinen Fall sagen will, was er sich zu denken verbietet. Epheron atmet tief ein und sagt das einzige, das ihm bleibt. Seine heiße Trauer verklebt seine Stimme zu einem leisen Hauch, mit dem er seine brennende Seele nicht mehr kühlen kann. Ihre Hände berühren sich schnell, aber nicht flüchtig, als sie plötzlich aufsteht und in hastiger Eile eine Tür zwischen sich und SICH und ihn bringt.

Und die Dämmerung lächelt ihnen zu in warmer Güte, Solitude in ihrer linden Umarmung aus erhobenen Rosenblätterseelen, als sie die kalte Bühne dieser sorgenbefalteten Tragödie nach verschiedenen Seiten verlassen, als sie sich schüchtern nach einander umschauen, um nicht zu vergessen, was sie niemals wiedersehen, aber unverströmt in Herzblut fassen, schwerer gegossen als das ehrwürdigste Blei, das einzig unvergilbte Bild, das sich in diesen grellen Altern aus dem Schoß des Zwielichts noch erstand. Der tränende Wind weht stärker, als man je gesehen in dieser harten Stadt, und die Gräser flüstern noch einmal kurz hinter ihren geschlossenen Augen, und die verwachsenen Pfade schlingen sich sinnentleert um verschollene Orte, und die erschöpften Rosen blühen nicht mehr schwarz für jemand sonst, und die Blätter fallen immer noch auf den geliebten Boden, den du berührt.

Und ich gehe ab von dieser Bühne, den ich unterwegs verloren habe in diesen gefrorenen Nebeln ohne Rast und Ziel, doch ich gehe nach vorne, und nur nach vorne, aber vielleicht treffen wir uns ja dort einmal, wo der Tag die Nacht noch küßt und funkelnd in den knisternden Sternen die Verliebten tanzen dürfen.

Shantih, Mr Stetson?


epilog.

 

Wie ein blauer Schatten kommst Du in ein Leben, das Du nicht einmal kennst, beginnst, es zu formen und beginnst, es zu beginnen, grenzenlos, federzart, unbesitzbar. Niemand weiß, wer Du bist, niemand weiß, was Du hier willst, nicht einmal Du, und doch, zwei Worte, die uns beide durch die dörrenden Ebenen geleiten, und doch verweilst Du jetzt schon kurz, aber zu lange für Deinesgleichen, zu lange für Deine Schönheit und Dein buntes Leben. Du bist viel zu spät, sagen wir ungefähr 15 Jahre, als daß wir einfach WIR sein könnten, viel zu still, um mit lautem Knall schlingernde Vergangenheit zu flußbegradigen, viel zu Du, um mich zu fesseln. Und so schweben wir denn nebeneinander her, wie die Weisen es nennen, und wir greifen uns nicht, zu ängstlich, den Moment der Zeit zu opfern um einer stetigen Erkenntnis willen, die uns enttäuscht auseinander schleudern könnte. Ich heiße anders als er, dein Name ist nicht ihrer, aber wir verhungern immer noch in ihren engen Käfigen, weit weg von uns und ihnen zu nichts mehr verpflichtet als zum Nichts. Und wir verstehen nicht, weil wir nicht wollen. Doch wie ich oben schon sagte: Ich liebe Dich.

Eine Widmung, übrigens. Zu spät zwar, am Ende eines Buches, aber schließlich sind wir doch alle Mimeten.